Leseproben

Leseprobe aus dem Thriller

 

"Rachgier"

(2018)

Prolog

 

Die Rauchwolken der brennenden Straßenzüge verdeckten den Himmel. Sirenen heulten. Dachstühle brachen funkensprühend zusammen. Ziegel zerschellten auf den Straßen. Fensterscheiben platzten. Die Rufe der Soldaten und Feuerwehrmänner waren deutlich zu hören.

Sein Herz pochte bis zum Hals, die Lungen schmerzten von dem Rauch. Ein Wachsoldat trat ihm ins Kreuz. Er fiel auf den Rücksitz des Mercedes. Die Tür wurde zugeschlagen, das Fenster blieb offen. Unbeeindruckt starrte der Fahrer nach vorn, rauchte seine Zigarette und trommelte mit dem Zeigefinger auf dem Lenkrad.

Er versuchte, aus dem offenen Fenster zu schauen. Der Wachsoldat hob seinen Karabiner an, drohte nur mit dem Gewehrkolben, blickte aber entschlossen drein.

Wo ist Esther? Gott, meine liebe Esther. Ich seh sie nicht. Wo ist sie? Wären wir doch nur auf dem Hof geblieben. Aber sie brauchte doch Hilfe. Drei Jahre waren wir dort in Sicherheit. Und ich bin Schuld, weil ich mich nicht beherrschen konnte. Oh Esther, bitte, bitte verzeih mir.

Wieder zerbrachen brennende Balken, stürzten Mauern ein. Frauen, Kinder, Alte schrien entsetzt. Funken stieben auf. Asche wehte durch die Luft.

Der Schweiß lief in Strömen. Klebrig legte er sich wie eine Wolldecke um seinen Körper. Gleich werden sie mit mir losfahren. Und ich weiß nicht, wo Esther ist.

Ein Öltank explodierte. Rauchschwaden tanzten wie Schatten am Nachthimmel. Zwei Männer in Ledermänteln kamen ans Auto. Jetzt wurde alles klar. Auch die Stimmen der beiden. Geheimpolizei! Die Gier nach Blut glänzte in ihren Augen.

Was werden sie mit uns machen? Genickschuss ...? Oh, da ist sie – Esther. »Esther ...« Sie konnte ihn nicht hören. »Esther!« Der Gewehrkolben traf ihn durch das offene Fenster. Sein Blut vermischte sich mit dem Schweiß.

Sie schubsen sie vor sich her. Aber sie kann doch gar nicht gehen. Und der selbstherrliche Dreckskerl steht in seiner Tür und schaut zu. Jetzt stoßen sie sie in das andere Auto. Esther! Oh Gott, Esther! Sie fahren mit ihr los.

Tränen mit Blut und Schweiß vermischt rannen über seine Wangen. Die Männer im Ledermantel stiegen ein.

Was geschieht mit uns? Jetzt fahren wir hinterher. Ob sie uns erschießen? Irgendwo im Wald? Wohl kaum – so viel Gnade. Warum sollten sie sich damit begnügen? Sie sind nicht gnädig, die nicht, diese Lumpen. Die nicht. Sie haben Pistolen. Wären sie gnädig gewesen, hätten sie uns gleich erschossen. Wohin werden sie uns bringen?

Sein Blick versuchte, die Umgebung abzusuchen. Aber er konnte nichts erkennen. Nur die Silhouetten der Menschen vor den Flammen. Und die Rücklichter des vorausfahrenden Autos. Mit seiner Esther im Fond.

Jetzt werden wir am eigenen Leib spüren, wie es ist, in ihrer Gewalt zu sein. Wir haben keine Chance. Die werden mit uns keine Ausnahme machen. Nur weil Esther krank ist. Nein. Sie brauchen die Gewissheit, dass sie uns alle vernichtet haben ...

Das Herz hämmerte jetzt so wild, dass es wehtat und die blutigen Tränen färbten den Kragen seines Hemdes rot.

 

 

 

1

Aurich - Egels

Donnerstag, 13. Dezember 2012

 

Der Tod kam mit einem alten klapprigen Renault 4.

Hermann Hoogstraat zog die Haustür hinter sich zu und schaute in seinen Garten. »Nebel! Und Raureif! Fingerdick liegt er auf den Ästen und Zweigen«, grantelte er. »Wird bestimmt bald wieder regnen. Mal Schnee, Regen, dann wieder Nebel, zur Abwechslung mal Frost. Teufel auch.« Er spuckte links in die Rabatte, drehte den Schlüssel zweimal, rüttelte zur Sicherheit am Türknauf, steckte die Schlüssel ein, zog den Reißverschluss seiner Jacke zu und die Handschuhe über. Entschlossen ging er in die Hocke, kam etwas wacklig wieder hoch, atmete tief ein und aus, griff nach seinen neuen Stöcken und ging den Laubengang entlang zum angrenzenden Heidstückenweg.

Hoogstraat schloss das Gartentor hinter sich und schaute sich noch mal um. Hinter ihm, im Osten, erstreckte sich das unwegsame Egelser Moor, vor ihm der Egelser Wald. Er richtete seinen Blick nach vorn und marschierte los. Es sah aus, als schwebten die Baumkronen, wie von Geisterhand emporgehoben, über den dichten Dunst, in dem sein Weg offenbar nach geschätzten vierzig Metern wie abgeschnitten endete. Schon bald brannte die kalte Luft in seinen Lungen. Doch er wusste, dass das nach spätestens zehn Minuten vorbei sein würde.

Der alte Doktor Hermann Hoogstraat brauchte das Nordic Walking wie gleichaltrige ihre Herztabletten. Es hatte Zeiten gegeben, in denen an drei Tagen die Woche mindestens fünfzehn Kilometer lange Dauerläufe zu seinem Trainingspensum gehörten. Marathons war er gelaufen, die Eindrucksvollsten waren in Berlin, Boston, London und Hamburg gewesen; den letzten hatte er mit zweiundsiebzig Jahren in New York hinter sich gebracht. Sein ganzer Stolz. Doch mit den Jahren war es schwieriger geworden mit dem Laufen. Und nachdem er seinen vierundsiebzigsten Geburtstag gefeiert hatte, musste er aufgeben. Die Gelenke verlangten Schonung nach der jahrzehntelangen Schinderei. Vorbei war es mit dem geliebten Hobby. Aber ein Leben ohne Sport?

Zunächst beschränkte Hermann Hoogstraat seine sportliche Betätigung auf das Training in einem Fitnessstudio und auf das Schwimmen. Als jedoch das Nordic Walking in Mode gekommen war, war er sofort auf den neuen Zug aufgesprungen.

Der alte Doktor verfügte trotz seiner vierundneunzig Jahre über eine Fitness, die so manchem Vierzigjährigen die Schamröte ins Gesicht trieb. Er war muskulös, durchtrainiert und gertenschlank. Sein Puls schlug nicht öfter als der eines Leichtathleten. Und sein Blutdruck war so konstant wie der eines Leistungssportlers. Er kam an die Einmündung zum Jagdweg und überlegte, ob er nicht doch nach links abbiegen, wie gewohnt dieser Straße folgen und im Wald seinen Weg fortsetzen sollte.

»Nein! Du hast gestern Abend eine Entscheidung getroffen«, erinnerte er sich selbst.

Seit mehreren Jahren störten ihn abgestorbene Bäume und eine Buchenhecke in seinem Garten. Seinen Sohn wollte er damit nicht behelligen. Der hatte genug mit seinem Unternehmen zu tun. Und sein Enkel? Nein. Er musste selbst handeln. Wie oft hatte er sich schon vorgenommen, etwas gegen das verwachsene Gestrüpp und die toten Apfelbäume zu unternehmen. Heute sollte dieses Problem endlich angepackt werden. Das hatte er auch seinem Freund mitgeteilt, als der ihn angerufen und für heute Vormittag zu Plausch und Frühstück in ihrem Stamm-Café eingeladen hatte. Die Einladung hatte er dankend angenommen, jedoch auf einen anderen Tag verschoben.

Dass sein Telefon seit Tagen abgehört wurde, hätte Hoogstraat sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können. Auch nicht, nachdem sich der Fahrer eines

Lieferwagens in der Nähe seines Hauses herumgetrieben hatte.

Am Ende des Dünenwegs befand sich die Baumschule Wilfried Rulfs. Die wollte Hoogstraat aufsuchen, sich mit Meister Rulfs über die Formalitäten unterhalten und ihn beauftragen, das tote Gehölz im Frühjahr zu beseitigen und durch Neuanpflanzungen zu ersetzen. Also folgte er weiter dem Heidstückenweg.

Mittlerweile konnte er nicht einmal mehr zwanzig Meter weit sehen.

Plötzlich schälte sich ein riesiger Traktor mit einem Gülleanhänger aus der Nebelwand. Überfallartig stülpte sich unerträglicher Lärm über den alten Mann. Hoogstraat überließ dem Traktor den Vorrang. Als das Ungetüm abgebogen war und nun vor ihm her fuhr, hob er drohend einen seiner Stöcke. Hoogstraat schwenkte ihn wie eine Waffe und schimpfte ein paar Schritte lang laut und ausgiebig über die Vermaisung und über die damit einhergehende Umweltvernichtung. Der Traktor verschwand im dichten Nebel. Nur das dumpfe Hämmern des Dieselmotors verriet, dass er noch irgendwo in der Nähe war.

Hoogstraat folgte weiter dem Dünenweg und wurde bald von ein paar Rehen abgelenkt, die seinen Weg querten. Sein ganzes Augenmerk gehörte in diesem Augenblick dem Rudel, das in eine Baumgruppe verschwand. Als er wieder nach vorn blinzelte, brachen plötzlich die Scheinwerfer eines Pkws durch die Nebelwand. Mit mäßiger Geschwindigkeit kam das Fahrzeug näher. Er wich murrend auf den Grünstreifen aus und wunderte sich, dass der alte Renault direkt neben ihm hielt.

Ein hasserfüllt dreinblickender Mann stieg aus und sprach ihn an. Es fielen lediglich zwei Namen. Nur Bruchteile einer Sekunde brauchte es, und Hoogstraat hatte begriffen. Entsetzen und Verzweiflung spiegelten sich plötzlich in dem Gesicht des alten Mannes, und als er den Arm zum Schutz anheben wollte, schlug der Fremde zu. Hermann

Hoogstraat fiel der Länge nach auf den Rücken. Der Fremde beugte sich über ihn. Hoogstraat spürte einen brennenden Schmerz auf seiner Stirn. Warme Flüssigkeit rann über sein Gesicht. Er schmeckte Blut. Der Mann hob seine Arme. Ein Gegenstand blitzte in seinen Fäusten auf. Und dann spürte Hoogstraat einen Schlag und einen entsetzlichen Schmerz in seinem Unterleib, der wie ein glühendes Eisen über Bauch und Brust zum Hals strich, und wie kochend heißes Öl seinen ganzen Körper flutete. Er schrie gellend und blickte mit angstweiten Augen in das Gesicht des anderen, das sich nun langsam entfernte und schließlich in gleißendes Licht zerfloss.

Dann wurde es still und dunkel um den alten Mann …

 

 

 

2

 

Der Fahrer des Traktors zuckte zusammen. »Verflucht! Das war doch ’ne Explosion.« Jan Willems bremste und schaute sich aufgeregt um. Zugmaschine und Anhänger schienen in Ordnung. Erst als er nach vorn blickte, bemerkte er am Rand des Moores ein Flackern! Als er sein Fernglas endlich in der Hand hatte, stiegen zwischen dicken Nebelschwaden bereits schwarze Rauchfahnen auf.

»Da brennt ein Auto«, rief er und kramte sein Telefon hervor. Mit zitternder Hand wählte er die Notrufnummer, meldete den Brand und suchte anschließend die Unglücksstelle noch einmal mit dem Fernglas ab. »Scheiß Nebel. Aber da ist niemand zu sehen«, raunte er. »Halt, was liegt denn da vor der Eiche? Ach, nur ein Müllsack. Aber das Auto ...« Er kletterte aus seinem Sitz. »Mist, ich muss da hin, vielleicht ...? Obwohl, helfen kann ich ja doch nicht mehr. Die Karre brennt ja schon wie Zunder.« Er öffnete die Tür und stellte sich auf die oberste Stufe der Kabinenleiter. »Verflixt, nu ist da wieder nix zu sehen, Drecksnebel. Aber vielleicht fackelt ja auch nur einer seine alte Schrottkarre ab.« Willems setzte sich wieder ans Steuer und fuhr näher an die Brandstelle heran.

Inzwischen traf die Feuerwehr ein, nur wenige Augenblicke später Polizei und Rettungswagen. Zuletzt kam der Notarzt.

Bald war das Wrack mit einer weißen Schaumdecke überzogen. Doch immerzu entfachte sich das Feuer neu. Ohne Unterlass wurde Schaum auf das brennende Auto gespritzt. Nach mehr als einer viertel Stunde züngelten immer noch wieder Stichflammen empor. Ratlos lief der Einsatzleiter der Feuerwehr um das Wrack herum, fotografierte und machte sich Notizen. Dabei schaute er immer wieder zu seinem Maschinisten, der hilflos mit den Schultern zuckte oder den Kopf schüttelte.

Plötzlich rief ein Feuerwehrmann hektisch nach einem Polizisten.

Jan Willems setzte sein Fernglas erneut an. Aber alles war verschwommen. In seiner Aufregung musste er das Stellrad verdreht haben. »Was hat der da denn nu gefunden? Ist das doch kein Müll?«, brummte er vor sich hin und drehte an dem Stellrädchen seines Feldstechers. Doch als er es wieder ansetzte, standen bereits Polizisten und ein paar Feuerwehrleute an dem Fundort und verdeckten ihm die Sicht. »Typisch«, brummte er und legte sein Glas zurück. »Die steh’n da nu rum und ich kann wieder nix sehen.« Willems fuhr weiter zu seiner Ackerzufahrt. Die Arbeit musste jetzt warten. Da war etwas passiert und das war jetzt wichtiger. An der Zufahrt stellte er den Motor ab, sprang von seinem Traktor, zog die Nase hoch, spuckte aus. Willems schob die Schirmmütze in den Nacken und die Hände beinah bis zu den Ellenbogen in die Taschen. Dann stapfte er gemächlich zur Unglücksstelle. Einer der Polizisten kam ihm entgegen. Auf halber Strecke trafen sie sich.

»Moin Jan«, grüßte der Beamte.

»Auch Moin, Erich.«

Sie kannten sich, seit sie laufen konnten. Jan Willems und Erich Peters. Als Kinder waren sie dicke Freunde und unzertrennlich gewesen. Jetzt ging jeder seiner Wege und sie sahen sich nur noch selten.

»Hast du angerufen?«

Jan Willems nickte. »Ja hab ich. Hab nur den Knall gehört. Und dann hab ich auch schon den schwarzen Qualm gesehen.«

»Wo warst du denn ungefähr?« Polizeihauptmeister Peters klappte seinen Notizblock auf.

»Da hinten am Ackerrand. Vielleicht hundert hundertzwanzig Meter vom Dünenweg entfernt. Weißt doch, da wo die Wallhecke einen kleinen Bogen macht.« Jan warf den Kopf in den Nacken und grinste. »Wo wir beide, als wir noch Kinder waren, immer gesmökt haben. Weißt doch, den Tabak, den wir unseren Alten immer geklaut haben.« Er wippte auf seinen Fußspitzen. »Kannst dich nicht mehr erinnern, Erich?«, fragte er grinsend.

»Ja ... ja, ach so. Mensch Jan das tut doch jetzt nichts zur Sache. Hast du denn sonst noch was gesehen?« Erich Peters wurde unruhig. »Mann, nu sag doch schon. Lass dir doch nicht immer alles aus der Nase ziehen. Wie spät war es, als es geknallt hat? Hast du Hoogstraat gesehen? Wenn ja, wo und wie spät? Mann das müssen wir alles wissen. Ist wichtig.«

»Ja was soll ich sagen? Ich bin so ungefähr um halb Neun aus ’m Grillenweg gekommen und weiter den Dünenweg hochgefahren. Bis hier zu mein’n Acker. Nur den alten Dokter hab ich gesehen, sonst war niemand unterwegs. Hab mich ja noch gewundert, dass der Alte heute hier lang kommt. Normalerweise macht der seine Tour immer im Wald. Ich hab am Jagdweg auch noch ’nen kleinen Acker. Da hab ich ihn oft gesehen. Der hatte ’ne ganz feste Strecke, der alte Doc ... wo war ich denn nu?«

»Du bist aus dem Grillenweg gekommen. Und dann?«

»Genau ... also, er hat mich am Grillenweg noch vorgelassen. Und dann ist er weiter hinter mir hergelatscht. Ich konnte ihn im Rückspiegel sehen. Geschimpft hat er wie ’n Kompaniefeldwebel am Montagmorgen. Mit seinem Stock hat er rumgefuchtelt. Weiß der Teufel, warum ...«, Jan grinste verschlagen und schob beide Daumen hinter seine breiten Herkules-Hosenträger. »Vielleicht hat er ja gestern Abend Die Drei Musketiere in der Glotze gesehen. Sah aus, als wollte er fechten«, witzelte er und lachte lauthals über seinen eigenen Scherz.

Erich Peters blieb humorlos. »Ja ja. Nu lass man dein’n Blödsinn sein, Jan. Was ist weiter passiert?«

Jan räusperte sich. »Wie ich schon sagte, ich bin weiter zum Acker. Hab gearbeitet, also die Gülle ... verteilt ...«

»Ja, das riecht man.«

»Ja ... also um kurz nach Neun ungefähr hat es dann geknallt. Und ... oh, das hätt ich ja fast vergessen«, Jan hob den Zeigefinger. »Ein Auto hab ich ja noch gehört, als ich meinen Hänger kontrolliert hab. So ganz dumpf klang das. Ich hab noch gedacht, dass der wohl von der Baumschule kommt. Aber da ist ja noch keiner. Die von der Baumschule kommen ja eigentlich erst später. Ist ja auch Winter, was sollen die da so früh schon ausfressen?«

»Und wann war das mit dem Auto?«

»Ungefähr Viertel vor neun? Kann auch etwas später gewesen sein. Auf die Minute genau weiß ich das nicht. Kuck ja nicht ständig auf die Uhr, ne?«

»Fünf? Oder 10 Minuten?«, hakte Peters nach.

Jan zuckte mit den Schultern. »Nee, höchstens fünf. Mensch Erich, du willst das aber auch alles ganz genau haben heute.«

»Also zwischen zwanzig und zehn vor Neun.« Peters schrieb alles haarklein auf. »Muss heute leider so sein, Jan. Hat nix mit dir zu tun. Hast du denn sonst noch was gehört?«

»Gehört? Ich?«, fragte Jan wie beiläufig zurück und nickte Richtung Unglücksstelle. »Nee, sonst war nix.«

Erich Peters drehte sich um. »Oh, da kommt auch schon die Kripo.« Er klappte seine Kladde zu und steckte sie ein. »Nu geht das los mit dem ganzen Brimborium. Wirst sehen. Die werden einen Aufstand machen.«

»Aber wieso denn Kripo, Erich? Bei so ’n kleinen Feuerchen? So was macht ihr doch sonst auch selbst. Was ist denn da los?« Willems reckte sich und versuchte, Peters erst links dann rechts über die Schulter zu schauen. »Ist doch nur ’n Auto abgefackelt … oder?«, erschrocken über seinen eigenen Gedanken sah er Peters mit großen Augen an, »oder sitzt da ... etwa noch ... einer drin? Oh Gott ...«

Jan vergrub sein Gesicht für einen Moment tief in seinen Händen und schüttelte sich.

Erich sah ihn überrascht an. So mitfühlend hatte er seinen Freund nicht in Erinnerung. Der war eher so gestrickt, dass er vieles ins Lächerliche zog.

»Nee, da war keiner mehr drin.«

»Nee? Oh. Gott sei Dank. Hab mir schon Vorwürfe gemacht, weil ich nicht gleich hingerannt bin, um zu helfen.«

»Du hast uns gerufen. Mehr hättest sowieso nicht tun können. War alles richtig, was du gemacht hast. Aber noch mal, Jan. Hast du sonst noch was gehört? Einen Schrei vielleicht? Von einem Menschen, der in Not geraten ist? Irgendwas?«

»’n Schrei? Nee, so dicke Nebelschwaden sind doch wie Watte, Erich. Wenn du bei so ’nem Dunst hier draußen überhaupt was hörst, dann nur ganz leise und dumpf. Und wenn dann noch der Diesel vom Trecker rödelt. Nee du, leider nicht. Aber frag doch mal den alten Doktor«, fuhr Jan fort. »Vielleicht hat der ja was gehört.«

»Den kann ich nicht mehr fragen, Jan.« Erich drehte sich zur Unglücksstelle um und zeigte flüchtig zu den Kollegen vor der Eiche. »Der Doktor liegt da. Vor der alten Eiche.«

»Vor der ...? Der Dokter? Also doch kein Müll? Ich hab gedacht, dass da wieder einer sein’n Müll entsorgt hat. Ist dem Alten was dabei …«, fragte Jan und musste schlucken. »Ich meine, ist ihm was passiert, als die Karre hochgegangen ist?«

»Nee du, den hat jemand kaltgemacht«, antwortete Peters salopp. »Sieht richtig übel aus, kann ich dir sagen.«

»Was sagst du da? Der Alte war ja ein richtiges Ekel. Aber kaltgemacht? Nee Erich. Nee nicht wirklich, nicht? Oder doch?«

»Sieht jedenfalls so aus. Aber das hast du nicht von mir, verstanden?« Erich hob mahnend den Zeigefinger. »Halt bloß deine Klappe. Ich bekomm sonst richtig Trabbel. Wegen Verrat von Ermittlungsergebnissen und so …«

»Geht klar, Erich. Kennst mich doch.«

»Eben, deshalb ja. Alter Quatschkopf.«

Jan sah seinen Freund nur flüchtig an. »Ich sag nix. Nie wieder sag ich was«, entgegnete er schuldbewusst. »Hab mein Wort doch schon drauf gegeben. Musst mir auch mal wieder vertrauen, Erich. Wir sind doch Freunde. Fast wie Brüder sind wir doch immer ... gewesen.«

»Ist ja gut, Jan. Wollte dich ja auch nur noch mal dran erinnern, an deine Diskretion«, besänftigte Peters seinen alten Freund.

»Diskr…?«

»Schon gut, Jan. Du musst das bestimmt noch alles zu Protokoll geben. Ich sag dir Bescheid. Wenn du also ’ne Weltreise vorhast in den nächsten Tagen, nach Bremen oder so, dann musst du mir das sagen. Die musst du denn bestimmt verschieben. Alles klar? Danke Jan. Bis demnächst.« Erich klopfte seinem Freund auf die Schulter und ging.

»Man sieht sich«, brummte Jan. Gedankenversunken stiefelte er zurück zu seinem Traktor. Als er vor dem Fahrzeug stand, schaute er noch mal zum Unglücksort. Der Nebel hatte sich wieder über das Geschehen gelegt. Jan konnte nichts sehen, nur entfernte Motorengeräusche waren zu hören. »Da hat doch glatt einer dem alten Doc die Kerze ausgepustet. Wer macht denn so etwas? Bei so ’nem alten Sack. Lohnt sich ja gar nicht, oder? Oh Hemel wat ’n Welt«, murmelte er schockiert. Als er die drei Stufen zur Kabine hinaufklettern wollte, hob er die rechte Hand, um sich an dem Bügel festzuhalten. Da fiel ihm plötzlich ein, dass er etwas vergessen hatte. »Da war doch noch der Radfahrer, der in den Schattenweg gefahren ist«, murmelte er und kratzte sich den Hinterkopf. »Aber ich werd Erich ja bestimmt noch mal treffen. Und zum Protokoll muss ich ja auch noch …, aber vielleicht ist das ja auch gar nicht so wichtig«, brummte er vor sich hin. Er startete den Motor seines Traktors und ging, eine lustige Melodie pfeifend, weiter seiner Arbeit nach.

 

Der Chef der Mordkommission kam als letzter zum Tatort. Ein athletisch aussehender Mann mit dunkelblondem Haar, blauen Augen und Lachfältchen, die ihn attraktiv machten und intelligent und authentisch erscheinen ließen. Aber in seinem Gesicht spiegelte sich auch eine gewisse Traurigkeit, die auf eine erlebnisreiche Vergangenheit schließen ließ: Hauptkommissar Keeno Olthoff, von Freund und Feind K.O. genannt. Er parkte in der Nähe des ausgebrannten R4, drückte seine Kippe in den Ascher und kroch umständlich aus seinem verqualmten Omega. Sein Knie schmerzte. K.O. rümpfte die Nase. Noch immer hing der grässliche Gestank verkohlter Reifen, verbrannter Flüssigkeiten, Kunststoffe und Farbe in der Luft. Und dann noch die Gülle. Olthoff raffte seinen Schal zurecht und schaute sich um, während er fröstelnd seine Lederjacke anzog. Er knöpfte zwei der vier Knöpfe zu, schief natürlich, und hatte seinen Kollegen Oberkommissar Marquard bereits im Visier. Halbherzig versuchte er noch zwei Mal, die verbeulte Fahrertür zu schließen. Wäre eh vergeblich gewesen. Olthoff verfluchte den Pfeiler, der ihn gerammt hatte. Er kramte mit der freien Hand Glimmstängel und Feuerzeug aus der Jackentasche und zündete sich eine neue an. Erbärmlich hustend humpelte er mit schmerzverzerrtem Gesicht los.

Es wimmelte inzwischen von Polizeibeamten, Sanitätern und Feuerwehrleuten am Tatort. Aus dem alten R4 kräuselten dort, wo der Schaum sich auflöste oder zäh zu Boden sank, noch immer Rauchfahnen empor. Zwei Feuerwehrmänner wischten den restlichen Schaum an diesen Stellen vorsichtig beiseite, damit sie auch letzte aufflackernde Flämmchen und Glutherde noch löschen konnten. Ein noch brennendes Wrack konnte schlecht in die Kriminaltechnik gebracht werden.

»Moin Heinz«, grüßte Olthoff seinen Kollegen Marquard, der bereits eine halbe Stunde vor ihm eingetroffen war. »Die sollen bloß behutsam mit der Karre umgehen. Wer weiß, was der Schrotthaufen uns noch verraten kann.«

Marquard nickte. »Hab ich dem Einsatzleiter schon gesagt. Die wissen Bescheid.«

Olthoff nickte zufrieden und schlenderte weiter. Sein Blick suchte den Tatort ab. Vor einem Haufen Brandreste hockte Habbo Meinders, ein Kriminaltechniker. Vorsichtig stocherte er darin herum. Ein zweiter Techniker stand etwa einen Meter entfernt und sprach in sein Diktafon. »Donnerstag, 13.12. 2012 - 10:10 Uhr – Tatort Aurich, Dünenweg, Sackgasse, gemessene hundertvierundsechzig Meter vor dem Ende der Straße …«, brabbelte er. Der Beamte reichte Olthoff beiläufig die Hand und ging ein paar Schritte, um seine Ergebnisse weiter aufzunehmen.

»Moin Habbo. Habt ihr etwa gegrillt?«, fragte Olthoff.

»Selber Moin, Keeno. Nee du, nach einer Grillfete ist hier wohl niemandem zumute.«

»Sollte auch nur ’n kleiner Spaß sein«, sagte Olthoff. »Habt ihr denn schon Spuren?«

»Ja, haben wir. Und gleich mehrere. Die Asche hier und verschiedene Fußspuren neben der Leiche. Wir haben sofort Abdrücke und Fotos gemacht. Das Wetter ist mir zu instabil. Wenn es wieder Regen gibt, ist alles weg. Der Seitenstreifen ist schon ziemlich aufgeweicht und zerfurcht.« Habbo Meinders erhob sich. »Einige der Fußspuren konnten wir dem Opfer zuordnen. Dann gibt es aber Fußabdrücke, die zurück auf die Straße führen. Modder, Sand und Blut. Siehst du? Da!« Er lief entlang der Spur und deutete mit dem Zeigefinger darauf. »Die müssen vom Täter stammen. Der ist nach seiner Tat über die Straße gelaufen und hat hier seine blutverschmierten Klamotten ausgezogen. Das ist der Haufen Asche vor deinen Füßen. Wahrscheinlich Overall, Schuhe, Handschuhe, Mütze. Zwischen dem R4«, er zeigte auf das Wrack, »und dem Opfer gibt es eine Distanz von achtundvierzig Metern. Die Reste der verbrannten Bekleidung liegen nur sechs Meter vom Leichnam entfernt auf der entgegengesetzten Straßenseite.« Meinders stemmte die Hände in die Seiten und sah Olthoff aus schmalen Augen an. »Ja, also ich denke, der Täter hat sich hier umgezogen, ist in das Auto gestiegen, die achtundvierzig Meter vorgefahren. Dann ist er zum Tatort zurückgelaufen, hat die Klamotten angezündet, ist wieder zum Auto und hat es in Brand gesetzt. Anschließend hat er sich aus dem Staub gemacht. So ist meine Theorie. Ich hätte die Klamotten ja einfach ins Auto geworfen und alles zusammen verbrannt … aber damit will er uns wahrscheinlich in die Irre führen.« Verwundert zuckte der erfahrene Techniker die Achseln und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Mitten in der Bewegung hielt er inne. »Ach ja, da ist noch etwas. Als Brandbeschleuniger wurde ein hochexplosives Benzin-Ölgemisch benutzt. Dem war aber noch etwas anderes beigemischt. Die Feuerwehr hat richtig Probleme gehabt. Ist ein wahres Höllenzeug. Ich hab da so eine Vermutung. Ganz vage. Sagen kann ich aber noch nichts …«

»Habbo, bitte«, unterbrach Olthoff.

»Nee, Keeno. Das Zeug müssen wir erst untersuchen. Dazu kann ich jetzt wirklich noch nichts sagen. Morgen Vormittag.«

»Na gut. Wir sollten uns morgen Vormittag treffen.«

»In Ordnung, Keeno. Uhrzeit?«

»Ich ruf dich an. Danke erstmal.« Olthoff ging weiter. Auf dem Weg zum Fundort der Leiche dachte er über die Theorie des Technikers nach. »Hm, könnte vielleicht was dran sein. Warten wir mal ab.«

Hinter einem Sichtschutz hockte der Notarzt. »Doktor Lammers?«, rief Olthoff.

»Hauptkommissar Olthoff, guten Tag.«

»Ihnen auch einen guten Tag, Doktor.« Olthoff trat hinter den Sichtschutz, nickte in Richtung des bedeckten Leichnams. »Obwohl, ein guter Tag ist das nicht.«

»Nee, wohl nicht. Aber was nützt es. Ist nun mal unser Job.« Lammers versuchte vergeblich, sich ein Lächeln abzuringen, erhob sich und kam Olthoff einen Schritt entgegen. Dabei zog er seine Handschuhe aus und ließ sie achtlos zu Boden fallen.

»Können Sie mir schon etwas sagen, Doktor?« Der Hauptkommissar schaute sich flüchtig um. Dann blickte er auf seine Kippe und wieder zurück zu Lammers. Der zeigte auf die Handschuhe vor seinen Füßen. Olthoff warf sie dazu.

Während Olthoff eine neue Zigarette in den Mund steckte, schob sich Lammers die Hände in die Seiten und drückte ächzend seinen Rücken durch. »Der alte Herr wurde ziemlich übel zugerichtet«, ächzte der Arzt. »Der Täter hat ihn quasi vom Unterleib bis zum Hals aufgeschlitzt. Kein schöner Anblick. Wollen Sie ...?«

Olthoff wandte sich für einen Augenblick ab. »Muss das?«

Doktor Lammers zuckte mit den Achseln. »Müssen müssen Sie nicht, aber ...«

»Na gut denn mal los.«

Lammers zog das Tuch beiseite. Olthoff blickte für einen Moment auf die Leiche und wandte sich entsetzt ab. »Was zum Teufel ...«, er wich zurück. »Verflucht! Ich hab ja schon viel gesehen, aber so was? Nee!« Er ging ein paar Schritte und musste plötzlich husten.

Lammers bedeckte das Mordopfer wieder. »Alles in Ordnung, Hauptkommissar?«

»Ja. Alles gut, Doktor. Hab mich nur ... verschluckt.«.

Als Olthoff sich wieder gefangen hatte, sagte Dr. Lammers: »Da ist noch was. Haben Sie das Gesicht gesehen?«

»Nee, hab ich nicht.«

»Der Täter hat ihm etwas in die Stirn geritzt.« Lammers zog das Tuch so weit beiseite, dass nur der Kopf des Toten zu sehen war.

»E.+B.?« Olthoff stutzte. »Könnten Initialen sein, oder? Was denken Sie?«

»Wäre vielleicht eine Möglichkeit.«

Leseprobe aus dem historischen Roman

 

"Die Flucht nach Emden"

(2010 / 2017)

Embden, im August 1703

 

Jean Edmond

 

 

Ich habe die Hölle gesehen.

Ich habe Menschen getötet.

Ich habe betrogen und bestohlen.

Möge Gott mir vergeben.

Um selbst zu überleben und um meine Angehörigen zu beschützen, habe ich Verbrechen begangen. Aber ich bereue nichts – nur der Umstand, dass ich meinen geliebten Eltern und meiner lieben Marie nicht helfen konnte, raubt mir heute oft noch meine Nachtruhe und treibt mir bittere Tränen in die Augen.

 

Ich bin Jean Edmond, der zweite Sohn von Frédéric und Catherine Edmond. Meinen älteren Bruder Abel habe ich leider nicht gekannt, aber ich kenne seine Geschichte.

Geboren und aufgewachsen bin ich in Florac, das ist eine kleine Stadt in den französischen Cevennen. Ich bin Protestant, so wie auch meine Eltern Protestanten waren, und meine Großeltern, meine Freunde und viele andere, die ich gekannt habe. Genau genommen bin ich ein Calvinist, hierzulande, bei den Friesen, nennt man uns reformierte Christen. In Frankreich bezeichnet man uns abfällig als Hugenotten.

In jener Zeit, als ich noch jung war, unbedarft und ein freier Mensch, bin ich oft mit meinen Freunden im Wald herumgestreift. Wir jagten Wildkaninchen, nahmen ein erfrischendes Bad in der Tarn, wenn das Wetter warm war, oder wir angelten in einem unserer klaren Bäche Forellen. Unsere Stadt war schön, die Leute waren freundlich, aber immer beschäftigt. Fuhrleute brachten Waren in Kisten, Fässern und Säcken zu den Händlern. Handwerker arbeiteten in ihren Werkstätten und auf Baustellen. Bauern verkauften ihre Waren auf dem Markt und die Mädchen senkten beschämt den Blick und schauten zur Seite, wenn ein junger Bursche sie anlächelte. Wir gingen damals in unsere Schule, waren glücklich und zufrieden. Nicht einmal im Traum wäre es mir eingefallen, über meine Sicherheit nachzudenken. Und doch schwebte über unseren Köpfen das Schwert. Die hasserfüllten Blicke, die uns Hugenotten trafen, bemerkte ich, aber ich machte mir noch keine Gedanken.

Heute lebe ich in dieser fremden Stadt, an der friesischen Küste, Hunderte Meilen von meiner Heimat entfernt. Emden ist mir zur Zuflucht geworden. Die Friesen sind gute Menschen, freundlich aber wortkarg. Ich habe neue Freunde gewonnen, und eines Tages werde ich hier dem Herrn meine Seele zurückgeben. Das ist für mich in Ordnung. Dennoch ist es nicht das Gleiche wie mit den alten Freunden zu Hause, mit denen man eine gemeinsame Vergangenheit hat. Ebenso ist es etwas anderes, sein Grab eines fernen Tages in fremder Erde zu finden, statt in der Heimaterde – die Cevennen und mein geliebtes Florac fehlen mir. Ich vermisse meine Heimat, wie ich einen Arm vermissen würde, den man mir von meinem Körper abgehackt hat.

Früher einmal sagte man über mich, dass ich ein gut aussehender junger Mann sei. Vor Glück strahlende Augen soll ich gehabt haben, die meinem Gegenüber Zuversicht, Zufriedenheit und Offenheit signalisierten. Damals, vor etwa zwanzig Jahren, wollte ich meine Marie heiraten. Marie liebte mich und ich liebte sie. Mein Vater wollte sich zur Ruhe setzen und mir seine Schmiedewerkstatt übergeben. Und auch Maries Vater war mir durchaus wohlgesinnt. Wir hatten uns unsere gemeinsame Zukunft in leuchtenden Farben ausgemalt – bis plötzlich das große Verderben über uns hereinbrach. Eine Geißel, die unser König Ludwig XIV. uns aufgebürdet hatte, nur weil wir Protestanten sind. Heute geben meine Augen kaum noch etwas von mir zu erkennen, und das ist gut so. Misstrauen, Verachtung und Widerwillen sind Gefühle, die ich nicht zur Schau tragen mag. Und andere Gefühle sind mir fremd geworden.

Mein Rücken ist krumm und noch vernarbter als mein Gesicht. Mein Oberkörper lehnt sich leicht nach rechts und ich bevorzuge mein rechtes Bein. Mir fehlen Zehen, die erfroren sind und Zähne, die man mir ausgeschlagen hat. Ich habe schneeweißes Haar, eine zerschlagene Nase und meine Lippen sind schartig. Meine Hände sind das Einzige an mir, worauf ich noch stolz bin. Sie lassen meine frühere Kraft erahnen, sind groß und glatt, trotz allem, und sie können auch jetzt noch kräftig zupacken.

Ja ich gebe es zu, ich habe Schwierigkeiten mit meiner Gesundheit. Ich bin gerade erst zweiundvierzig geworden und nahezu verbraucht. Doch ich kann immer noch riechen, wenn mit dem Wind Gefahr heranweht, genauso wie ich es immer noch spüre, ob ein ehrlicher Mensch vor mir steht. Und meine Ohren sind immer noch so gut wie die einer Katze, auch wenn ich die meiste Zeit in meinem Leben am Amboss gestanden habe. Die Leute denken, wenn man älter wird und langsamer, und nicht mehr aufrecht stehen kann wie ein junger Spund, ist man taub und blind. Oder, dass man nur noch Mus zwischen den Ohren hat – doch weit gefehlt …

Seit ich in Emden lebe, gehöre ich zur ’Französisch-Reformierten-Gemeinde’. Als ich neulich an einer Veranstaltung der ’Diaconie der Fremdlingen Armen’ teilnahm, flüsterte ein Kaufmann unserem Pastor zu: »Fürst Christian Eberhard kommt in drei Tagen nach Emden. Meister Edmond sollte noch einmal vor dem Fürsten und den hohen Herrschaften von seinen haarsträubenden Erlebnissen berichten. Unserer Schatulle wird es bestimmt nicht schaden. Wer weiß, wie lange er noch unter uns weilt. So krumm, wie er ist und so krank, wie er aussieht …«

So krumm und elend ich auch aussehen mochte, knickte ich mein Knie und stieß ihm damit kräftig gegen den Oberschenkel. Er sog die Luft scharf ein und fuhr zu mir herum. »Vorsicht«, sagte ich zu ihm, »vielleicht überlebe ich Euch noch, mein Herr!«

Ja, es muss einen Grund geben, warum ich all die Peitschenhiebe, die Baton, die Kälte, den Durst und den Hunger, die Folter in den Kerkern und die Galeere überlebt habe, während viele andere den Kugeln der Häscher, der Marter der Folterknechte und den Schafotts und Scheiterhaufen der Henker zum Opfer gefallen sind, verrückt wurden oder einfach aufgaben, weil sie nicht mehr weiterleben wollten.

Ich bin dem Gevatter Tod oft entkommen, wenn er seine kalten knochigen Finger nach mir ausstreckte, habe Marie verloren und keine eigenen Kinder, mit denen ich hätte leben können, so wie meine Eltern, die mich großgezogen haben und mit ansehen durften, wie ich als junger Mann langsam in die Fußstapfen meines Vaters trat – bis unser gemeinsames Leben zerstört wurde. Ich hatte meine Eltern viele Jahre für mich, doch sie fehlen mir, seit den Tagen, an denen ich sie verlor. Zum Glück habe ich Santina, meine liebe Frau, und ihren Sohn Etienne, der mir ans Herz gewachsen ist, als sei er mein eigen Fleisch und Blut.

Zwei Wochen ist es jetzt her. Ich hatte mich mittags für einen Augenblick auf einem Poller am Delft niedergelassen, um einem holländischen Segler bei seinem Verholmanöver zuzuschauen. Ich hatte am Vortage anlässlich des Besuches des Fürsten Christian Eberhard und seiner Gemahlin zur Linken Anna Juliana in der Emdener Burg, der guten Sache der Diaconie wegen, meine Geschichte noch einmal den hohen Herren vorgetragen und war noch reichlich erschöpft. Ein kleines Mädchen kam des Weges. Es bat seine Begleitung zu warten, und gesellte sich zu mir. Geradeheraus fragte sie mich, ob ich der berühmte Jean Edmond aus der Kranstraße sei, von dem alle in der Stadt sprachen. Ihr Vater sei schon tot, sagte sie, und ihre Mutter und ihre Großeltern glaubten nicht, dass ich so viel erlebt und durchgestanden hätte. Das könnte kein Mensch ertragen, hätten sie noch gesagt, er würde daran sterben. Ich bestätigte ihr, dass ich Jean Edmond sei. Sie fragte, ob ich mit ihrer Mutter und den Großeltern sprechen wollte. Ich antwortete, dass ich es mir überlegen würde, und sagte zu ihr, wie schön es doch sei, dass sie ihre Maman und die Großeltern noch habe. Liebe sie, mein Kind, sagte ich, liebe sie jeden Tag von ganzem Herzen. Sie sah mich eine Weile verdutzt an, nickte, wandte sich ab und stapfte wortlos davon.

Immer wieder, und ganz besonders von Maurice, wurde ich gebeten, meine schrecklichen Erlebnisse zu Papier zu bringen. Viele Jahre konnte ich nicht einmal an das Geschehene denken. Es schmerzte mich einfach zu sehr. Doch endlich habe ich mich überwunden. Jetzt schreibe ich diesen Bericht, weil es an der Zeit ist, den Menschen zu sagen, wie sehr ihre Brüder und Schwestern in Frankreich leiden. Weil es Zeit ist, allen zu berichten, dass die Hugenotten ihres protestantischen Glaubens wegen verfolgt, gefoltert und getötet werden, gerade wieder in diesen Tagen auch im Hinblick auf den augenblicklichen Kamisardenkrieg. Ich schreibe meinen Bericht von Anfang bis Ende. Es sind meine Erlebnisse und die meiner Eltern und Freunde – jedenfalls die, von denen ich weiß. Aber es ist schwierig für mich, dies alles verständlich für jedermann aufzuschreiben, ich bin kein Literat. Deshalb hoffe ich inständig, dass irgendwann einmal ein guter Mensch sich die Mühe macht, meinen Bericht aufmerksam zu lesen und so zu vollenden und zu bereiten, dass jeder ihn lesen und verstehen kann. Vielleicht ist dann sogar ein hoher Herr oder eine hohe Dame unter den Lesern, die es sich zur Aufgabe machen, dieses Unrecht anzuprangern und zu unterbinden. Möge Gott ihnen beistehen und den rechten Weg weisen.

 

Hier also ist mein Bericht:

Geboren bin im Juli 1661 in Florac. Schon meine Geburt stand unter einem bösen Zeichen. Denn in der gleichen Sekunde, in der ich das Licht der Welt erblickte, erschütterte ein unerträgliches Unglück das Leben meiner Eltern. Mein Bruder Abel, der unseren Vater …

 

 

 

 

1

 

Florac, Juli 1661

 

In ihrer Glückseligkeit konnten Catherine und Frédéric Edmond nicht ahnen, welch großes Unglück sich über ihren Köpfen zusammenbraute.

Sie saßen auf der Gartenbank an der Rückwand ihres Hauses und genossen die letzten Sonnenstrahlen. Plötzlich zuckte sie zusammen und hielt ihren Bauch. Frédéric erschrak. Catherine musste lachen. »Es geht mir gut, ich habe keine Schmerzen«, sagte sie besänftigend. »Unser Kind hat sich nur bewegt.«

Frédéric lächelte. »Ich habe einfach nur Angst um euch«, flüsterte er und streichelte ihren Arm. »Ich freue mich so sehr, Catherine. Wir bekommen bestimmt einen kräftigen gesunden Jungen, so wie der dich ärgert.«

Catherine löste sich aus seiner Umarmung und sah ihn ängstlich an. »Wenn es nun aber doch ein Mädchen wird, Frédéric, bist du dann sehr enttäuscht? Wir haben doch schon einen … Sohn.«

»Nein, natürlich nicht. Wenn es ein Mädchen ist, wird sie mindestens so schön und liebenswert sein, wie du es bist.«

Sie küsste ihn auf die Wange und schmiegte sich wieder an ihn. »Ach, ich liebe dich, Frédéric.«

Allmählich zog die Dunkelheit ins Tal und in dem kleinen Fenster oberhalb ihrer Bank flackerte Licht auf. »Abel hat seine Kerze angezündet. Bestimmt liest er wieder«, flüsterte Frédéric und fügte leise hinzu: »Vielleicht sollten wir doch noch einmal darüber nachdenken, ob wir ihn nach Montpellier auf die Akademie schicken. Was sagst du, Catherine?«

»Ja, das sollten wir tun. Zum Handwerker taugt er weiß Gott nicht«, flüsterte sie lächelnd und unterdrückte ihr Gähnen.

Tagelöhner Pierre schleppte am nächsten Morgen einen Korb Schmiedekohle vom Hof zum Lager. Er litt unter der schwülen Hitze, stöhnte und schnaufte und rief seinem Meister zu, dass es wohl bald ein Unwetter gäbe. Frédéric blickte zum Himmel, zuckte hilflos mit den Schultern und wandte sich wieder seinem Sohn Abel zu, der neben ihm auf dem Steinboden kniete und mit einem Stück Kreide hastig den Riss eines Fenstergitters skizzierte.

Den Verdruss in Abels Gesicht sah Frédéric nicht.

Abel war fast noch ein Junge und eher klein gewachsen, mit schmalen Schultern und schwachen Armen. Frédéric hatte gehofft, dass sein Sohn noch an Körperkraft und Größe zulegen würde. Alle Männer der Familie Edmond waren groß, breitschultrig und kräftig gewesen. Aber so wie es aussah, geriet Abel eher nach der Familie seiner Mutter. Auch die Arbeit in der Werkstatt lag ihm nicht. Sie konnte ihm nicht halb so viel Fleiß und Sorgfalt abringen, wie seine Zeichnungen, Skizzen und Berechnungen es vermochten. Frédéric war dennoch stolz auf ihn, denn der Herrgott hatte Abel mit einer besonderen Begabung gesegnet. Er war überaus intelligent, besaß ein bemerkenswertes Vorstellungsvermögen, einen scheinbar nie versiegenden Ideenreichtum und die Fähigkeit, jedem seine Ideen gut verständlich zu erklären.

Gegen Mittag wurde es noch heißer. Es war stickig in der kleinen Stadt Florac und in den Kloaken und Abfallgruben begann es zu gären. Ein widerlicher Gestank stieg auf, der sich wie zäher Schleim über die Stadt legte und in die Häuser quoll.

Catherine hatte lange überlegt, ob sie bei dem schwülen Wetter das Haus verlassen sollte. Sie stand kurz vor der Niederkunft und fühlte sich plump und unförmig. Doch die Vorräte waren aufgebraucht und sie musste unbedingt zum Krämer, um dunkles und weißes Mehl zu kaufen. Eine Magd hatte sie nicht und die Männer waren von früh bis spät in der Schmiede beschäftigt. Es nutzte nichts, neues Brot musste gebacken werden – also machte sie sich auf den Weg.

Sie hatte Schwierigkeiten voranzukommen, denn wie an jedem Tag herrschte auch heute auf der schmalen Hauptstraße ein Gedränge von Fußgängern, spielenden Kindern, Zugtieren und verschwitzten Männern, die zwischen den Werkstätten, Läden und Fuhrwerken Waren in Säcken, Fässern und Kisten hin- und herschleppten. Catherine fühlte sich erschöpft. Sie blieb einen Augenblick stehen und lehnte sich an eine Hauswand, um neue Kraft zu sammeln.

»Elender Hurenbock, gib mir sofort das Geld!«, schimpfte eine Frau in dem Haus. Entweder war die Dame ahnungslos oder es interessierte sie nicht, dass die Tür ihrer schäbigen Behausung sperrangelweit offen stand. »Sollen deine Kinder verhungern, während du dich im Suff mit anderen Weibern amüsierst? Her damit oder es wird dir leidtun, dass du mich zum Weib hast …«

»Verschwinde! Lass mir meine Ruhe, du Metze«, lallte ihr Ehemann.

Catherine empfand Mitleid für sie und war heilfroh, dass sie in ihrer Ehe glücklich war. Denn Frédéric war zuverlässig und arbeitsam, fürsorglich und liebevoll. Catherine musste lächeln. Sie und Frédéric liebten sich noch immer. Und beide liebten sie die Freuden des Fleisches, und manche Nacht bekamen sie vor lauter Lust kaum ein Auge zu. So wie damals, als sie ein junges Paar und ganz krank vor Liebe und voller Hoffnung für die Zukunft gewesen waren. Er hatte Meister werden, die Messer- und Waffenschmiede seines Vaters übernehmen und es als Handwerker zu Reichtum und Ansehen bringen wollen. Sie hatte sich viele Kinder gewünscht, Jungen hauptsächlich, damit die Werkstatt wachsen konnte, aber auch ein oder zwei Mädchen, um durch Heirat den Einfluss der Familie zu vergrößern. Frédéric hatte die Werkstatt vor ungefähr neun Jahren von seinem verstorbenen Vater übernommen und es, trotz der zuweilen nahezu unlösbaren Schwierigkeiten, noch nicht einen Tag bereut. Gleichwohl waren auch Catherine und Frédéric gelegentlich der Verzweiflung nahe gewesen, denn nach Abels Geburt war Catherine eine zweite Schwangerschaft versagt geblieben. Bis vor acht Monaten, als sie ihren Frédéric freudestrahlend mit einer Neuigkeit überraschen konnte: Ihre Mondtage waren ausgeblieben.

Die letzten Gedanken hoben ihre Stimmung wieder etwas an. Sie raffte sich auf, ging weiter und hielt mit einer Hand ihren Bauch, als ihr Fuß gegen einen vorstehenden Pflasterstein stieß, und sie merkte, wie sich ihr Kind bewegte. Sie überquerte den Marktplatz, kam an dem Stadtbrunnen vorbei und befand sich plötzlich inmitten einer Schar Kinder, die übermütig um einen Betrunkenen herumtobte. Ein hagerer Mann mit schulterlangem Haar saß auf einer Kiste und sang lustige Lieder. Als er Catherine erblickte, unterbrach er seinen Gesang. »Hübsche Frau, wollt Ihr Euch nicht zu mir setzen?«, fragte er mit schwerer Zunge und klopfte mit einer Hand auf den freien Platz neben sich.

»Dann könnten wir gemeinsam ein Lied singen.«

Überrascht schaute Catherine sich um, doch niemand sonst war da. Als sie sich dem Mann wieder zuwandte, grinste der sie schelmisch an. Normalerweise hätte sie nicht einen Blick auf diesen Trunkenbold verschwendet. Aber er strahlte wie einer, der den Schalk im Nacken hat. Und er war höflich.

Catherine lächelte zurück.

»Ich würde auch für Euch allein singen, hübsche Madame«, lallte er. Dann lachte er schallend über seinen Scherz und klopfte sich mit der flachen Hand vergnügt auf den Oberschenkel. Die Kinder jauchzten.

Catherine legte den Kopf etwas schräg und rief ihm zu: »Nicht nötig, mein Herr. Das machen mein Mann und mein Sohn heute Abend für mich.« Sie zählte jetzt zweiunddreißig Jahre. Catherine war eine wahre Schönheit, strahlte Sinnlichkeit aus und ihr dunkles wallendes Haar, die leuchtenden braunen Augen in dem wohlgestalteten Gesicht waren nicht nur für Frédéric eine Augenweide. Viele Männer drehten sich sehnsüchtig nach Catherine um, wenn sie ihr begegneten. Und wäre der eifersüchtige Blick mancher Ehefrau wirklich tödlich gewesen, so hätte der eine oder andere Ehegatte auf offener Straße ein unrühmliches Ende gefunden. Es kam vor, dass fremde Männer Catherine sogar schmeichelten. Meistens verdeckt mit einem Scherz oder in einem Kompliment, besonders dann, wenn Frédéric in der Nähe war. In solchen Augenblicken breitete sich manchmal ein ungutes Gefühl in seinem Bauch aus. Aber er vertraute seiner Catherine, und so bereitete es ihm im Nachhinein sogar Vergnügen, wenn er die schmachtenden Blicke der anderen Männer sah.

Sie straffte ihre Schultern, warf dem lustigen Sänger noch einen freundlichen Blick zu und ging weiter die Hauptstraße entlang. Catherine erhielt von diesen oder jenen Bekannten oder Unbekannten einen netten Gruß, den sie höflich erwiderte, und lächelte noch, als sie sich dem Krämerladen von Madame und Monsieur Bonnet näherte. Da plötzlich zog sich ihr ganzer Leib zusammen und die Wehen setzten ein. »Oh Gott«, stöhnte sie. Wieder dehnte sich eine Schmerzwelle, beginnend im Unterleib über ihren ganzen Körper aus. Sie konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten und als sie auf das schiefergraue Straßenpflaster niedersank, spürte sie, wie ihre Fruchtblase platzte und sich die Feuchtigkeit unter ihr ausbreitete. »Hilfe!«, rief sie. »So helft mir doch bitte!« Sogleich versammelte sich eine Schar Neugieriger um sie. Aber die Schmerzen vernebelten ihr den Blick und die Gesichter, die teils mitleidig, teils begierig auf sie herabsahen, verschwammen vor ihren Augen.

»Das ist doch die Teufelsbuhle Edmond. Werft die Ketzerin am besten gleich samt ihrer Brut in den Fluss, dann bleibt uns ein weiterer Bastard dieser verfluchten Hugenottenpest erspart!«, rief ein Eselstreiber im Vorbeigehen. Verständnisloses Raunen ging durch die Menge der Schaulustigen. Der Mann spuckte aus und bekreuzigte sich, um das Unglück abzuwenden. Dann zog er brabbelnd weiter.

Catherine stöhnte auf.

»Lasst mich durch! So lasst mich doch endlich durch«, schimpfte Madame Bonnet und drängte die aufdringlichen Schaulustigen beiseite.

Zwei Männer trugen Catherine an einen kühlen Ort, wo es nach frischem Brot, Kräutern und Gewürzen duftete. »Wartet! So wartet doch«, presste eine aufgeregte Stimme hervor. »So könnt ihr sie doch nicht hier hinlegen.« Catherine erkannte Monsieur Bonnet. Hastig verteilte er einige Jutesäcke auf einen Tisch und legte eine dicke wollene Decke darüber. Madame Bonnet konnte gerade noch rechtzeitig ein sauberes Laken ausbreiten, denn schon entledigten sich die Männer murrend ihrer Last.

Catherine atmete schwer. »Bitte würdet Ihr wohl so freundlich sein und meinen Mann holen lassen, Madame Bonnet?«

»Ich habe den alten Jaco bereits zu ihm geschickt, Madame Edmond. Monsieur wird sicher bald hier sein«, sagte die Magd stellvertretend und wischte ihr den Schweiß von der Stirn.

Catherine dankte es ihr mit einem Lächeln.

Die Männer verließen den Raum und sogleich setzte Geschäftigkeit ein. Madame Bonnet trug ihrem Mann auf, für genügend heißes Wasser zu sorgen, die Magd schickte sie los, die Hebamme zu holen. Sie selbst kümmerte sich um Catherine.

 

Die Brettertür flog auf und krachte gegen die Wand. Abel stürmte aus der Werkstatt, trat eine leere Holzkiste beiseite, spuckte aus und ließ sich auf die Holzbank neben der Tür fallen. Er war noch immer verärgert. Am frühen Morgen war er bereits mit seinem Vater aneinandergeraten, weil er lieber mit den anderen Jungen schwimmen gehen wollte, statt bei der Hitze in der Werkstatt zu arbeiten. Abel hatte ihm angeboten, seine Arbeit später zu erledigen. Aber sein Vater war unerbittlich gewesen und hatte darauf bestanden, dass er seiner Pflicht als Lehrling nachkam. Dann hatte seine Mutter sich über ihn geärgert und ihn beschimpft, weil er seine Stiefel nicht abgetreten hatte, als er aus dem Pferdestall zum Frühstück in die Küche gekommen war. Nichts ließ sie durchgehen, wenn die Ordnung in ihrer Küche oder im Haus in Gefahr geriet. In dieser Hinsicht war Catherine unerbittlich.

Abel war wütend, fühlte sich betrogen, benachteiligt und empfand sein elendes Dasein als Sohn eines strebsamen Schmiedemeisters und einer zänkischen Mutter als eine einzige Plage. »Und dann auch noch der ekelerregende Gestank der städtischen Kloaken«, murrte er und blinzelte zur Sonne hinauf, deren sengende Hitze zumindest an diesem Platz von der üppigen Krone einer riesigen Kastanie etwas ferngehalten wurde. Mit einem unflätigen Wort auf den Lippen griff er nach der mattschwarzen Schiefertafel, die neben ihm lag.

Ein buckliger alter Mann zitterte hinter seinem knotigen Gehstock her, den er sich aus dem Ast eines Maulbeerbaums geschnitten hatte. Er stand auf der anderen Seite und versuchte einen sicheren Weg über die schmale, holprige Straße zu finden. Sie hatte tiefe Schlaglöcher und war von zwei Fahrrinnen durchfurcht. Eigentlich war sie keine richtige Straße, eher ein schlammiger Ackerweg. Aber seit Wochen hatte die sengende Sonne den Schlamm ausgetrocknet und knüppelhart werden lassen.

Abel war damit beschäftigt, ein aufwendiges Türgitter zu entwerfen, und versuchte zugleich, den Gesellen und den Tagelöhner im Auge zu behalten, wie sein Vater es ihm aufgetragen hatte. Er drehte sich um und schaute durch das kleine Werkstattfenster hinter sich. Victor, der Geselle, heizte gerade die zweite Esse an, Tagelöhner Pierre sollte einige Garben aus Eisenstäben binden, aus denen Abels Vater Messerklingen und Säbelklingen schmieden wollte. Aber Pierre war nicht zu sehen. Irgendwie schaffte es der gerissene Tagelöhner immer wieder, sich davonzustehlen, um heimlich seinen selbst gebrannten Fusel zu trinken und Tabak zu rauchen.

Verdrossen zeichnete Abel ein Gitter nach dem anderen, versuchte sich an Schnörkeln, Verschlingungen und Blumenmustern. Beinahe jeder Strich des dünnen Griffels wurde von grausig schrillem Quietschen begleitet. Abel war geschickt, aber heute wollte ihm einfach gar nichts gelingen. Deshalb wischte er auch einen fehlgeschlagenen Entwurf nach dem anderen wieder aus. Selbst als er den alten Mann bemerkte, der geradewegs auf ihn zukam, unterbrach er seine Arbeit nur für einen Augenblick.

»Ist hier das Haus von Schmiedemeister Edmond?«, fragte der Alte.

Abel musterte den Mann gereizt. Er trug eine fleckige Jacke und dreckige Hosen. In seinem Gesicht bluteten schwärende Wunden, und als er seinen faltigen Mund öffnete, sah Abel seine letzten verrottenden Zahnstummel.

»Was willst du von ihm?«, fragte Abel grob.

»Man nennt mich Jaco. Die Magd von Krämer Bonnet schickt mich. Seine Frau braucht ihn.«

»Was soll das heißen, sie braucht ihn?« Der Griffel brach ab. Abel hörte auf zu zeichnen, legte seine Tafel neben sich auf die Bank und sprang auf.

Jaco spürte, dass der Junge nicht viel von ihm hielt, und sah ihn mit starren Augen an. »Ist sie … deine Maman?«, fragte er hustend.

Abel nickte.

Der Alte spuckte blutigen Rotz aus und wischte sich mit dem Ärmel über den Mund. »Sie hat arge Wehen, ist auf der Straße zusammengebrochen und liegt nun im Hinterzimmer von Krämer Bonnets Laden. Such deinen Vater und sag ihm das.« Damit wandte sich der Alte ab, hustete noch einmal, spuckte wiederum aus und ging.

Abel stürmte in die Werkstatt und schaute sich verzweifelt um. »Victor! Pierre!«, rief er aufgeregt. Aber Pierre war immer noch Gott weiß wo. »Verdammt, Pierre! Victor, pass bitte auf die Werkstatt auf. Ich muss los und Vater suchen«, rief er und rannte davon. Victor stand kopfschüttelnd vor seiner Esse, zuckte mit den Schultern und legte ein Stück Eisen ins Feuer.

***

Catherines Schmerzen waren indes unerträglich geworden. Sie waren neu und anders als bei der Geburt ihres ersten Sohnes Abel, denn die Wehen kamen dieses Mal in weit größeren Abständen. Madame Bonnet wich nicht von ihrer Seite. Sie selbst hatte sechs Kindern das Leben geschenkt und wusste, dass eine Geburt mal schwer, mal einfach war und oft auch ein schlimmes Ende nehmen konnte. Die Zahl der Mütter war groß, die im Kindbett starben. Hinzu kam, dass gerade in Krisenzeiten, wie in der Hungersnot in diesem Jahr, vielleicht nur die Hälfte aller Neugeborenen das erste Lebensjahr erreichte, weil die Mütter keine Milch hatten. Auch Madame Bonnet hatte einen Sohn und eine Tochter in zwei aufeinanderfolgende Hungerperioden an den Bruder Tod verloren. Aber Madame Edmond war gesund, kräftig und gut genährt. Hier würde alles gut gehen, da war sie sich sicher. Sie ging in den Korridor, der vom Lager zum Hof führte. Dort hielt sie Ausschau nach Mademoiselle Gilbert. Dabei sah sie durch ein Fenster den Himmel, der von dicken schwarzen Wolken verhangen war. »Na, das wird bestimmt ein heftiges Unwetter geben«, brummte sie und ging zurück zu Catherine.

Mademoiselle Gilbert, die Hebamme, betrat schnaufend den Laden und begrüßte den Inhaber Monsieur Bonnet. Sie war eine stattliche Dame mittleren Alters und hatte schon vielen Frauen bei dem freudigen Ereignis zur Seite gestanden. Auch die Kinder der Bonnets hatten mit ihrer kundigen Hilfe das Licht der Welt erblickt. Eine eigene Familie wollte Mademoiselle jedoch nie. ›Männer?‹, so war stets ihre Rede, ›Männer sind nicht meine Welt. Einer allein macht mehr Dreck und Lärm als vier Kinder zusammen.‹

»Man könnte meinen, Ihr würdet Vater, Monsieur. Aber es handelt sich doch nicht um Madame Bonnet, oder?«, feixte die Hebamme.

»Aber … aber was denkt Ihr Euch? Mademoiselle Gilbert! In unserem Alter …! Nein, es ist Madame Edmond, die …«

»… die Frau vom Schmied. Ich weiß, ich weiß. Das war ein Scherz, Monsieur Bonnet. Aber Ihr seid trotzdem aufgeregt, mein Guter!« Sie stieß ihn mit der Schulter an und grinste schelmisch.

»Ja, aber ist es denn nicht ein Wunder, Mademoiselle? Ein Kind kommt auf die Welt. Da geht die Freude immer mit mir durch«, schwärmte Monsieur Bonnet, während er sie zum Hinterzimmer begleitete. »Bestimmt ist der Lagerraum eines Krämerladens nicht der richtige Ort, Mademoiselle …«, Bonnet hob hilflos die Hände und zuckte mit den Schultern, »aber was hätten wir sonst tun sollen, als …«

»Ich weiß, Monsieur. Bei Madame Edmond setzten vor Eurer Türschwelle die Wehen ein. Eure Magd hat es mir erzählt. Beruhigt Euch nur, es sind schon Kinder an jämmerlicheren Orten geboren. Denkt doch nur an unseren Heiland. Alles wird gut, Ihr habt gottgefällig gehandelt, Monsieur Bonnet.«

 

***

Das Donnergrollen hörte Abel nicht. So schnell ihn seine Beine trugen, rannte er zunächst zum Krämerladen. Dann fiel ihm in seiner Aufregung ein, dass er doch zuerst seinen Vater finden musste. Aber er wusste nicht, wo er suchen sollte, und rannte hinunter zum Flussbett, wo seine Freunde sich im kühlen Wasser des Tarn vergnügten. »Habt ihr meinen Vater gesehen? Weiß einer von euch, wo er ist?«, fragte er Paul, den ersten Jungen, der ihm am Ufer in die Quere kam. »Ich muss ihn finden, Mutter braucht ihn!« In groben Zügen erzählte Abel, was geschehen war.

»Nein, wissen wir nicht. Aber wir werden ihn für dich suchen. Lauf du zu deiner Mutter«.

Abel dankte seinem Freund und rannte wieder los. Plötzlich brach der Himmel auf. Blitze zuckten und gewaltiges Donnern versetzte die Menschen und Tiere in Panik. Ein Wolkenbruch überflutete die Straßen und Plätze innerhalb kürzester Zeit. Die Händler versuchten vergeblich, von ihren Auslagen zu retten, was zu retten war. Triefende Kleidungsstücke hingen wie aufgeweichte Putzlappen auf den Holzständern. Tische, Kisten und Fässer trieb der Sturm durch die Straßen wie Spielzeug vor sich her. Obst Gemüse und Backwaren lagen im Dreck der Gossen, und Hagelkörner peitschten den Menschen in die Gesichter. Einige entschlossene Bettler nutzten die Gelegenheit und deckten sich mit Kleidung und Essbarem ein. Die Kleidungsstücke würden schon wieder trocken werden, Obst und Gemüse konnte man waschen und aufgeweichtes Brot wurde sogleich verspeist.

Ohne auf das Unwetter zu achten, rannte Abel wieder zum Krämerladen. Er wich Kutschen, Fuhrwerken und fliehenden Menschen aus. Auf halbem Wege sah er, dass die Straße mit Möbeln und Kisten versperrt war. Weinende Menschen setzten alles daran, ihr Hab und Gut aus einem brennenden Haus zu retten, in das der Blitz eingeschlagen war. In diesem Augenblick bog ein schwer beladenes Fuhrwerk in die Straße. Die Pferde waren durch einen weiteren krachenden Blitzeinschlag in der Nebenstraße in Raserei geraten und versuchten in ihrer panischen Angst, einem drohenden Unheil zu entkommen.

»Mach den Weg frei, verdammter Bengel«, brüllte der Kutscher, »ich kann die Pferde nicht halten …«

Doch in dem dröhnenden Lärm der schreienden Menschen, des grollenden Donners, rauschenden Regens und der Rollgeräusche der eisenbereiften Räder konnte Abel den Kutscher nicht hören – bevor er die Gefahr selbst erkannte, rollte der schwer beladene Wagen über ihn hinweg.

 

In dieser schrecklichen Minute erblickte Jean das Licht der Welt. Plötzlich war alles schnell gegangen, und während Madame Bonnet Catherine in den Arm nahm, ihr mit einem feuchten Tuch das Gesicht abwischte und die Stirn kühlte, trennte Mademoiselle Gilbert die Nabelschnur durch.

»Ich gratuliere Euch, Madame Edmond«, sagte die Hebamme strahlend und hob das Kind hoch, »Ihr habt einem kräftigen und gesunden jungen Mann das Leben geschenkt.« Sie schlug ein Tuch um den Jungen und legte ihn seiner Mutter in die Arme. Völlig erschöpft, aber freudestrahlend drückte Catherine ihr Kind an sich, streichelte seine Wangen und konnte den Blick fast nicht von ihm nehmen. »Dein Papa wird glücklich sein, mein kleiner Jean. Jawohl, so sollst du heißen: Jean, Jean Frédéric Edmond. Und wenn Abel dich erst in seinen Armen halten darf …,

Leseprobe aus dem historischen Roman

 

"Der Advovatus von Emden"

(2016)

Prolog

 

Januar, im Jahr 1691,

nahe dem Ankobra-Fluss an

der westafrikanischen Goldküste

 

Die Sklavenfänger trugen durchgeschwitzte Hemden und Hosen und schwarze dreispitzige Hüte. Ihre Säbel waren geschliffen, die Pistolen geladen. Schweigend warteten die Männer im dichten Busch und starrten hinüber zu dem Dorf, dem sie in den nächsten Stunden Tod und Verderben bringen würden.

Sie waren zwölf. Ein brutales Dutzend, das vor Mord und Raub nicht zurückschreckte, ausgesucht von habgierigen Händlern, die auf dem karibischen Sklavenmarkt reich werden wollten. Ihr Anführer, ein kräftiger kraftstrotzender Hüne aus Brandenburg in der Tracht eines Bootsmanns, kaute Tabak und spuckte den braunen Sud alle paar Minuten ins Gras. Als er ein paar starke junge Kerle sah, die ihre Jagdbeute zerlegten, nickte er zufrieden.

»Ja, Männer, heute werden wir reiche Beute machen.« Er spuckte seinen Priem aus und griff nach dem scharf geschliffenen Säbel an seiner Seite. Das Lachen von Frauen und Kindern drang zu ihnen herauf. Der Brandenburger grinste. »Und Weiber sind auch da.«

Der Pockennarbige schräg links hinter ihm kicherte. Er nannte sich Erik und sah aus wie einer, der die Seuche schon dreimal überlebt hatte. Etwas gebeugt stand er hinter einem morschen Baumstamm und drückte die Zweige eines danebenstehenden Busches nieder. Seine Augen starrten unentwegt geradeaus, so als könnte er sie niemals bewegen. Erik war nicht älter als zwanzig, aber die Narben und die Festungshaft hatten ihn vor der Zeit altern lassen.

»Bist ja ein richtiger Schweinehund, Brandenburger«, krächzte er und fuhr sich mit der Zunge über die schartigen Lippen. »Denkst nur ans ...«

»Halt dein Schandmaul, Erik!«, fuhr ihm eine Stimme, die von rechts kam, über den Mund. Sie gehörte einem bärtigen Hünen mit breiten, muskelbepackten Schultern. Er hatte den gleichen rotblonden Haarschopf wie Erik und den gleichen starren Blick. Sie waren Vettern und beide waren sie so kalt wie der Winter ihrer nordischen Heimat. »Hat dich jemand gefragt? Hast du nicht gelernt, nur zu sprechen, wenn du gefragt wirst?«

»Scheiß auf dich, Ragnar«, murmelte Erik. »Kümmere dich um deinen Dreck. Du hast hier nichts zu melden.«

Der lange Ragnar wollte Erik an den Kragen, doch der Anführer kam ihm zuvor. Seine Hand schnellte vor und umklammerte Eriks Kehle, sodass dessen pockennarbiges Gesicht blutrot anschwoll.

»Beleidige nie wieder meinen Freund Ragnar!«, flüsterte der Anführer, den alle nur Brandenburger nannten. »Nie wieder! Oder ich lasse dich lebendig begraben. Verstanden?«

Erik nickte, während seine Augen mehr und mehr hervortraten. Der Anführer ließ ihn aus seiner Umklammerung, hustend und würgend sackte Erik auf die Knie.

Plötzlich änderte sich Brandenburgers Miene, fast mitleidig blickte er auf den keuchenden jungen Mann zu seinen Füßen. »Erik«, murmelte er und biss nebenher ein neues Stück von seinem Kautabak ab. »Du bist noch nicht lange bei uns. Deshalb sag ich’s noch mal. Es geht um Disziplin, verstehst du? Disziplin und Respekt.« Er zeigte nach unten auf das Dorf. »Das, was wir hier tun, das ist 'ne Jagd. Es geht um Beute und um Geld, um viel Geld. Aber ohne Disziplin und Respekt werden die schwarzen Affen da unten den Spieß umdrehen. Dann sind wir die Beute. Und glaub mir, Erik, die sind nicht zimperlich. Bei lebendigem Leibe werden sie uns die Haut abziehen. Und das wollen wir doch alle nicht, oder?« Er beugte sich hinab, griff Erik ins Haar und riss dessen Kopf mit einem Ruck in den Nacken. Lauernd blickte Brandenburger ihm in die Augen. »Ich mag dich, Erik. Du bist ein guter Kämpfer. Aber ich verlange Disziplin. Ist das jetzt endlich bei dir angekommen?« Der Anführer löste seine Finger und stieß ihn zurück.

Erik sagte kein Wort, kratzte sich den Nacken und blickte zur Seite.

»Na?«, hakte Brandenburger nach und trat nach ihm.

»Ist klar … Disziplin.« Erik senkte reumütig seinen Kopf, seine rechte Hand umklammerte das Heft seines Messers.

Brandenburger nickte. »Dann sollten wir uns jetzt wie besprochen aufteilen. Los, Männer, an die Arbeit.«

Die anderen hatten dem Treiben schmunzelnd zugesehen. Brandenburger war ihr unangefochtener Anführer. Mit seinen knapp dreißig Jahren war er der Gemeinste unter den Sklavenjägern, und nur mit seiner Verschlagenheit und Skupellosigkeit schaffte er es, diesen verwahrlosten Haufen in Schach zu halten und an seiner Spitze zu bleiben. Seit Anbeginn ihrer gemeinsamen Streifzüge durch den afrikanischen Busch machten die Männer ihre eigenen Geschäfte. Brandenburger hatte es bislang immer hinbekommen, dass der Kapitän der 'Marie Louise‘ nichts davon mitbekam. Auch jetzt würden sie ihre eigene Beute machen und diese irgendwo in einem Hafen an einen Hehler verschachern, um Geld für Huren und Branntwein in der Tasche zu haben. Heute sah es nach einem besonders guten Fang aus. Brandenburger sah junge Burschen und wohlgerundete junge Weiber. In Gedanken rechnete er sich schon seinen Anteil an dem Fang aus.

Das Dorf vor ihnen in der Senke war durchzogen von einem schmalen Bachlauf. Die einfachen Hütten standen verteilt zwischen Bäumen und Büschen und schienen unentdeckt und unberührt. Mit glänzenden Augen blickten die Menschendiebe auf ein Langhaus neben dem Dorfplatz, wo sich einige der Bewohner in der brennenden Hitze der Mittagssonne genüsslich über ihr Mahl hermachten. Von irgendwoher ertönte der Gesang einer Mutter und eines Kindes.

Brandenburger hob den Arm. In der Sonne blitzte sein blank polierter Säbel auf. Das war das Zeichen zum Angriff. Grölend stürmten die Männer aus ihren Verstecken hervor.

Das Sterben des Dorfes begann.

Eine weißhaarige Greisin sah sie als Erste. Sie kam mit einem Mädchen an der Hand vom Rand des Dorfes, wo das Kind für Raubzeug eine zu leichte Beute gewesen wäre. Aber statt mit ihr in den nahen Busch zu fliehen, taumelte sie laut schreiend auf den Dorfplatz zu. Brandenburger kreuzte ihren Weg, holte mit seinem Säbel aus und trennte der Alten mit einem Hieb den Arm ab, an dessen Hand sie das Kind hielt.

Johlend kreisten die anderen Männer das Dorf ein.

Mittlerweile hatten auch die Dorfbewohner, die in ihren Hütten und auf den Äckern ihrer Arbeit nachgingen, die Sklavenjäger entdeckt. Laut schreiend ließen die Frauen und Mädchen alles fallen und versuchten in den Busch zu fliehen. Doch die Menschendiebe trieben die Flüchtigen zurück auf den Dorfplatz. Der pockennarbige Erik zielte mit seiner Pistole auf ein etwa achtjähriges Mädchen, das versuchte, sich in einen Busch am Ufer des Dorfbachs zu verstecken. Die Kugel schlug in ihren Rücken ein. Lautlos fiel sie ins Wasser, das sich auf der Stelle rot färbte. Brandenburger und ein paar andere kämpften indes mit einigen Dorfbewohnern, die ihre Überraschung schnell überwunden hatten. Sie kamen aus den Hütten und von den Äckern gelaufen, um ihr Leben und das der Frauen und Kinder zu verteidigen. Einige waren mit Speeren, Macheten oder Hacken bewaffnet, aber diese mutigen, meist älteren Männer konnten nicht viel gegen die kampferfahrenen Sklavenjäger ausrichten. Nur zwei oder drei erfahrene Krieger waren im Dorf geblieben, die anderen waren auf der Jagd. Sie konnten einen der Angreifer töten und zwei schwer verletzen, bevor sie durch Pistolenkugeln niedergestreckt wurden. Schon nach wenigen Minuten war das Gemetzel vorbei. Einige der Dorfbewohner lagen mit durchgeschnittenen Hälsen, zerschossenen Leibern oder abgetrennten Gliedmaßen zwischen zerschlagenen Tischen, Schemeln und Krügen in ihren Hütten. Andere lagen auf den Wegen und Plätzen in ihrem Blut, wo Erik den wenigen, die noch röchelten, einem nach dem anderen den Schädel einschlug.

Während drei Männer die auf dem Boden kauernden Gefangenen bewachten, durchsuchten die anderen die Häuser nach Essbarem und möglichen Schätzen. Viel war nicht zu holen, ein paar Figuren aus Gold, Perlenketten, einige Schmuckstücke. In einer abseits gelegenen größeren Hütte fanden sie Utensilien, wie sie nur von einem weißen Mann benutzt wurden. Rasiermesser, Besteck, eine Uhr, Münzen, Kleidung aus Europa und ein paar andere Dinge. Brandenburger befahl, herauszufinden, ob jemand ihre Sprache verstand. Sie fanden einen alten Mann, der schlechtes, aber verständliches Deutsch sprach. Der Anführer lag richtig mit seiner Vermutung: Hier lebte ein Weißer, ein Deutscher. Doch der war angeblich mit einigen Männern zur Jagd aufgebrochen und sollte erst am übernächsten Tag zurückkehren.

Der verrückte Erik kam mit lautem Tamtam auf den Dorfplatz. Er hatte sich den Umhang des Schamanen übergezogen und hielt sich eine seiner Masken vor das Gesicht. In der anderen Hand hatte er einen gekrümmten Stab, der mit Glöckchen, Federn, Fellstückchen und Knöchelchen verziert war. Unter dem gellenden Gelächter seiner Gefährten äffte Erik kultischen Gesang und einen Tanz der Dorfbewohner nach, stolperte jedoch über einen Leichnam und fiel kopfüber in den Bach.

Das Wertvollste neben den jungen Männern war das Vieh. Kühe, Kälber, Ziegen, Schweine und mindestens fünf Dutzend Hühner. Beim Schiffskoch würden sie dafür einen guten Preis erzielen. Zudem würde er bestimmt ein Festmahl für die Sklavenjäger und die Schiffsbesatzung bereiten.

Und dann waren da ja noch die jungen Frauen und Mädchen.

Der Nachmittag neigte sich dem Ende zu und bald würde ohne lange Dämmerung die Nacht hereinbrechen. Um Raubtiere fernzuhalten und für das nötige Licht zu sorgen, zündeten die Männer die Hütten an. Innerhalb kürzester Zeit fingen sie Feuer und bald brannte das ganze Dorf lichterloh. Das prasselnde Knistern und Knacken wurde nur von dem Weinen der Frauen und Kinder übertönt. Und dann brach die Nacht herein und viele der Frauen des Dorfes befürchteten weiteres Grauen …

 

Teuflisch grinsend schlenderte Brandenburger am nächsten Morgen durch die Reihen. Sie hatten die Bewohner auf dem Dorfplatz zusammentrieben wie Vieh auf dem Markt. Die Alten stieß er brutal zur linken, die Kinder zur rechten Seite. Übrig blieben die jungen Frauen und Männer. Eine Greisin begann zu schreien. Sie spuckte dem Anführer ins Gesicht und versuchte, nach ihm zu treten. Sofort stimmten auch die anderen in das Geschrei ein. Der lange Ragnar eilte herbei, packte die Alte wie eine Puppe und warf sie zu den Leichen am Rand des Dorfplatzes. Ein Schuss aus seiner Pistole sorgte augenblicklich für Ruhe und von den Weibern war nur noch vereinzeltes Wimmern zu hören.

Schließlich sortierte der Anführer sechzehn Frauen und einundzwanzig Männer aus, die meisten davon Heranwachsende. Die Jüngste, ein vielleicht zwölfjähriges Mädchen, stand vor ihm und starrte mit geöffnetem Mund und weiten, tränennassen Augen auf die rauchenden Reste ihrer elterlichen Hütte. Sie gab sonderbare Laute von sich, schien in eine Art Trance gefallen und gestikulierte mit den Händen; ihr Verstand schien sie mit dem aufsteigenden Rauch langsam zu verlassen.

»Das gefällt mir«, knurrte Brandenburger und schritt die Reihen der Gefangenen ab. »Wer von euch vernünftig ist, wird morgen mit uns auf die Reise gehen. So schlecht ist das Leben in der Karibik nicht. Gibt viel Arbeit dort, guten Fraß und saubere Hütten. Besser als das, was ihr hier habt. Und für die Weiber gibt es eine Menge kräftige Böcke.« Brandenburgers Knechte lachten. Das keckernde Lachen des übergeschnappten Erik klang so schrill und so durchdringend, als würde der Fürst der Hölle selbst in einem Choral die falsche zweite Stimme zum Besten geben.

Sechs Sklavenjäger fesselten die aussortierten Frauen und Männer mit dünnen Ketten, stellten sie in Zweierreihen auf und schlossen die Handfesseln wiederum an eine schwere Mittelkette. Die Alten und Schwachen blieben zurück. Sie brachten auf den Sklavenmärkten in der Karibik kein Geld ein und Kinder starben zu schnell an den Strapazen, denen sie auf dem engen Schiff ausgesetzt wären.

Plötzlich fingen die Menschendiebe an zu murren. Erik griff nach einem jungen Mädchen, das gerade von dem fetten Andreas an die Mittelkette angeschlossen werden sollte. Sie mochte vielleicht vierzehn Jahre alt sein. Andreas hielt ihr Handgelenk fest umklammert und verzog sein Gesicht zu einem spöttischen Grinsen.

»Die gehört mir«, jammerte Erik und zog weiter an ihrem freien Arm. »Ich will sie erst haben, dann kannst du sie meinetwegen anschließen.«

Gerade wollte er nach seinem Messer greifen, als sich hinter ihm die dröhnende Bassstimme des Anführers bemerkbar machte. »Was hast du nun wieder vor, Erik?«, fragte Brandenburger mit aufgesetzter Freundlichkeit. »Du kannst sie nicht haben. Sie ist Eigentum der Handelskompanie, bis sie verkauft wird. Wenn du sie gehabt hast, ist sie nur noch die Hälfte wert, und mich hängen sie an der Nock auf, wenn herauskommt, dass ich sie dir gegeben habe. Und was zum Teufel willst du mit dem Messer, hm?«

Er näherte sich Erik, bis er direkt vor ihm stand.

»Aber sie gehört mir, Brandenburger. Ich hab sie in der Hütte da hinten zwischen dem ganzen Dreck gefunden«, stammelte Erik und zeigte flüchtig auf einen qualmenden Haufen aus verkohlten Holzstangen und Asche.

»Mag sein, dass du sie gefunden hast. Aber ich habe es dir doch gerade erklärt, Erik. Nimm dir eine von den alten Weibern, wenn du`s unbedingt brauchst.« Die Stimme des Anführers war ruhig und kalt, seine Lippen zuckten und seine Augen bildeten nur zwei schmale Schlitze.

Erik war mit dem Messer schneller als jeder andere in dem wilden Haufen, trotzdem ließ er es stecken. Langsam wich er zurück. Brandenburger hingegen war rücksichtslos und brutal, und wenn er in Wut geriet, nützte auch ein schnell geführtes Messer nichts mehr. Auch jetzt schien er kurz davor, zu explodieren.

»Erik, ständig habe ich Scherereien mit dir. Warum? Sag mir, warum zum Teufel das so ist« Doch plötzlich wurde Brandenburgers Miene weicher. Er wandte seinen Blick ab, hob beschwichtigend seine Rechte, während er mit der anderen Hand seinen Bart kratzte. »Aber wenn ich mir das so recht überlege, dann ...« Er runzelte die Stirn. »... glaube ich, dass du recht hast, Erik. Ja, das hast du. Wir machen die ganze Drecksarbeit, und die Pfeffersäcke in Emden und Potsdam streichen den Lohn ein. Und dann sollen wir nicht einmal unseren Spaß haben? Nee, das ist nicht gerecht.«

»Sag ich doch, Anführer«, sagte Erik erleichtert. »Ganz meine Rede ...«

»Dann sollten wir jetzt alle unseren Spaß haben. Oder?«

Erik nickte lachend, er freute sich diebisch. Endlich hatte er gegen den Anführer gesiegt. Doch dann machte Brandenburger eine blitzschnelle Bewegung und sein Säbel schwirrte über Eriks Kehle. Ein Schwall Blut schoss aus seinem Hals und sein Kopf federte nach hinten und wieder nach vorne, wie bei einer Marionette, der man die Schnüre durchgetrennt hatte. Sein Lachen erstickte in einem Glucksen, er stand mit hängenden Armen da und starrte Brandenburger überrascht an. Die Anderen gaben keinen Ton von sich. Sie kannten ihren Anführer, und nachdem Erik nach vorne in den Dreck gekippt war, ging jeder weiter seiner Tätigkeit nach, als sei nichts Großartiges vorgefallen.

Brandenburger wischte seine Waffe in Eriks Hemd ab und schob sie zurück in die Lederscheide an seinem Gürtel. Dann spuckte er auf den Leichnam, wandte sich ab und wusch sich im Bachlauf Eriks Blut von Gesicht und Hand. »Hört zu, Männer«, rief er.

Sie drehten sich nach ihm um.

»Ich habe etwas Gold und auch ein paar Goldmünzen in der Hütte des Weißen gefunden. Das verscherbeln wir im Hafen von St. Thomas. Ist nicht viel. Aber für Schnaps und willige Huren sollte es für uns alle reichen.«

Die Männer lachten, johlten und ließen ihn hochleben. So liebten sie ihren Anführer, so war er ganz nach ihrem Geschmack. Bei ihm waren sie alle gleich, neue wie alte, gestandene Kameraden. Jeder bekam stets den gleichen Anteil von der Beute. Ein verfluchter Hurensohn war er, der seine Seele schon vor langer Zeit dem Satan verkauft hatte, aber seinen Männern gegenüber war er so gerecht, wie der Gekreuzigte es von einem guten Christenmenschen verlangte.

 

Das Dorf war vollkommen zerstört und niedergebrannt. Keine Hütte war verschont geblieben. Es gab kein Vieh mehr, keine Vorräte, selbst die kargen Halme auf den Äckern waren zertrampelt oder nach dem Funkenflug der brennenden Hütten versengt. Vieh, das sie nicht mitnehmen konnten, wurde getötet und als Futter für die Geier und Hyänen im Dreck zurückgelassen.

Weinende alte Frauen suchten verzweifelt zwischen den Leichen nach ihren Angehörigen. Ein paar alte Männer saßen verstört vor ihren verbrannten Hütten. Andere suchten in den rauchenden Trümmern nach Brauchbarem. Doch es war ihnen nichts geblieben, kein Tisch, kein Schemel, nicht einmal ein Krug, nur Scherben und Asche. Die Menschen standen vor dem Nichts und einige von ihnen sehnten sich einen schnellen Tod durch eine Pistolenkugel herbei. Sie wollten ihre Peiniger provozieren, warfen mit Steinen, reckten die Fäuste und belegten sie mit Flüchen. Doch die Sklavenjäger lachten und johlten und genossen das furchtbare Schauspiel. Nicht einmal eine gnädige Kugel hatten sie für die Gepeinigten übrig.

Das Morden war vorbei, der Anführer hatte es so befohlen.

Brandenburger blinzelte in die Sonne und schaute sich noch einmal um. Seine Männer waren bereit. Drei auf jeder Seite sollten die Kolonne mit ihren Bullenpeitschen antreiben. Einer lief voraus, der Rest kümmerte sich um das Vieh. Alle warteten gespannt. Und dann hob der Anführer seinen in der Sonne blitzenden Säbel, das Zeichen zum Aufbruch.

Für die Sklaven begann eine Odyssee, begleitet vom Klirren der Ketten, den Peitschenhieben und Flüchen der Antreiber, dem Wimmern der Frauen und den leisen Verwünschungen der jungen Männer. Niemand von ihnen wusste, wo das Schicksal sie hintreiben würde. Die Peitschen mussten mit Vorsicht eingesetzt werden. Keiner kaufte einen Sklaven mit zerfetztem Rücken. Da war es einfacher, hin und wieder mal einem die Kehle durchzuschneiden. Dafür waren einige ältere Männer und Frauen in der Kolonne. An ihnen wurden hin und wieder Exempel statuiert, wenn die jungen Sklaven nicht schnell genug liefen, oder gar renitent wurden.

Die Mittagssonne brannte wie Feuer und Durst und Hunger waren kaum zu ertragen. Ein Aufseher ließ zwei Ledereimer voll Wasser vom nahe gelegenen Ankobra-Fluss holen. Jede der zwei Reihen bekam einen. Es musste schnell getrunken und der Eimer zum Nächsten weitergereicht werden, und so weiter bis zum Letzten.

Nach wenigen Minuten war die Prozedur beendet. Die Zeit drängte, denn das Sklavenschiff wartete ...

 

 

 

 

1

Rückkehr nach Emden

 

 

Samstag,

16. Dezember,

im Jahr des Herrn 1702

 

Flinke Füße huschten über das Oberdeck, kletterten die Wanten hinauf oder sprangen behände über Kisten, Ballen und Fässer. Geübte Hände verrichteten altbekannte Tätigkeiten und starke Arme sorgten dafür, dass die Ladung sicher an Land gebracht wurde.

Klaas Bootsma wurde trotzdem ungeduldig. Er spuckte seinen Priem über Bord und legte seine Hände wie einen Trichter an den Mund. Seine kehligen Befehle dröhnten durch die Morgenluft.

In der Spanne von nur vierzig Minuten wurden zwei große schwere Kisten an Land gehievt, und vier Ballen Felle für einen Kürschner, ein Pflug aus Holz und Eisen, das Zuggeschirr für einen Ochsen, ein großes Fass Branntwein aus dem Schottischen sowie eine Kiste mit edlen Trinkgläsern aus glitzerndem rheinischen Kristall auf das Schiff verladen. Klaas hieß weitere drei Reisende auf seinem Küstensegler willkommen, kassierte das Geld für die Überfahrt und wies die Herren an, den Matrosen und Schauerleuten ja nicht im Weg zu stehen. Anschließend schnitt er sich einen neuen Priem, kaute, wartete und verzog missbilligend das Gesicht, als der Maat nach einer weiteren halben Stunde "Klar zum Auslaufen" meldete.

Der sonst so gleichmütige Klaas Bootsma war heute überaus unruhig. Er konnte es nicht benennen, doch irgendetwas lag in der Luft. Eiskalt rieselte es sein Rückgrat hinunter, wenn er an die Weiterfahrt nach Emden dachte. Auf dem Weg zum Achterschiff prüfte er mit flüchtigem Blick oder kräftigem Griff, ob die neue Ladung ordentlich verstaut und sicher verzurrt war. Er stauchte einen Matrosen zusammen, der sich gelangweilt mit dem linken Ellenbogen auf einem Fass mit Waltran abstützte und, die andere Hand steckte in der Hosentasche, verträumt zum dunstverhangenen Himmel hinaufblickte. Die Kiste mit den teuren Kristallgläsern war entgegen Klaas’ Anordnung nicht in die Kajüte gebracht worden, sondern stand neben dem Fass mit Tran auf den rutschigen Decksplanken und diente dem Matrosen als Fußstütze.

Klaas ging weiter, schaute sich noch mal um und nickte murrend, als er sah, dass der Matrose sich um das Wohl der wertvollen Kiste bemühte. Missmutig stellte er sich an die Ruderpinne.

»Ablegen!«, brüllte er.

Der Maat wiederholte den Befehl. Die Matrosen enterten auf und binnen kurzer Zeit war alles Tuch gesetzt. Gaffel- und das Lateinersegel blähten sich im Wind. Der Küstensegler Beerta nahm Fahrt auf und bald konnte man hinter grauen Dunstschleiern nur noch die Umrisse des Woldendorpher Kirchturms erkennen.

Bereits mit der Morgendämmerung war der Küstensegler, ein seegängiger Bojer mit Groß- und Besanmast, kleiner Kajüte und acht Sitzplätzen für Fahrgäste, von Oostwold mit Kurs auf Woldendorph aufgebrochen. Klaas Bootsmas Taschenuhr zeigte bereits viertel nach zehn. Die ‚Beerta‘ hatte nicht nur die zehn englischen Seemeilen bis Emden vor sich, Klaas wollte heute noch zurück, seine Gattin feierte an diesem Tag ihren Vierzigsten. Er blickte gereizt nach Steuerbord, suchte im Osten die Sonne, doch der Himmel war immer noch vom Dunst verhangen. Es war seltsam ruhig und viel zu schwül für die Jahreszeit. Nicht eine einzige Möwe begleitete das Schiff.

Plötzlich flaute der ohnehin laue Wind noch mehr ab. Klaas spürte es und das nagte an ihm - es braute sich ein Unheil zusammen. »Wär ich man doch noch einen Tag zu Hause geblieben«, brummte er. Aber auch Klaas Bootsma konnte sich nur von der Speckseite eine dicke Scheibe abschneiden, die er sich mit seiner Hände Arbeit verdient hatte.

Die letzten zwei Tage hatte er schon in seinem Heimathafen Oostwold im Oldambt ausharren müssen, denn es tobte ein furchtbarer Herbststurm mit Sturzregen und Hagelschauern über die Nordseeküste hinweg. Überall suchten die Menschen Schutz in ihren Kirchen und erinnerten sich vor Angst zitternd an die grausige Novemberflut vor drei Jahren, der Mensch und Vieh, Hab und Gut und das ganze Dorf Geerdsweer, westlich von Emden gelegen, zum Opfer gefallen waren. Gestern Mittag hatte der Regen dann endlich nachgelassen. Der Orkan hatte sich ausgetobt und am späten Abend konnte man in völliger Windstille Mond und Sterne beobachten, so dass Klaas entschieden hatte, am Morgen mit Kurs auf Woldendorph und Emden auszulaufen.

Klaas wandte seinen Blick nach Nordwesten und sah, wie der diesige Vorhang plötzlich aufriss und der Himmel sich verdunkelte. Er fluchte. Seine alte Seemannsnase hatte ihn wieder einmal nicht im Stich gelassen. Beinahe von jetzt auf gleich roch es nach Schwefel. »Was zum Teufel soll das? Ein Gewitter? Um diese Jahreszeit? Es ist Dezember! Willst du uns umbringen, Herr?«, brüllte er gen Himmel. Er winkte seinen Maat zu sich und erteilte ihm neue Befehle, die sofort ausgeführt wurden.

Minuten später nahm das Unheil seinen Anfang.

Klaas schaute noch einmal nach Nordwest und fluchte wie ein betrunkener Mönch. Heulende Böen schoben über dem Dollart dicke, schwere Wolken zu riesigen Türmen zusammen. Erste Blitze zuckten, denen dröhnende Donnerschläge folgten. Ein neuer Orkan war im Anmarsch und drückte graue Wassermassen in die Bucht. Es goss, als würde jemand Kübel über die ‚Beerta‘ ausleeren. Dann ließ der Regen wieder nach und es fielen Hagelkörner, die so groß wie Taubeneier waren und von den Böen angetrieben über die Wellenkämme peitschten. Dämmrige Dunkelheit breitete sich aus und der Sturm nahm mit jeder Kabellänge, die der kleine Küstensegler seinem Ziel näherkam, an Zerstörungswut zu. Die Segel knatterten und blähten sich zum Zerreißen, die ‚Beerta‘ nahm gefährlich viel Fahrt auf. Klaas befahl seinem Maat, Latein- und Besansegel zu reffen. Das Gaffelsegel wollte er stehen lassen, hoffend, dem Gewittersturm doch noch mit angemessener Geschwindigkeit entkommen zu können.

Die Reisenden blickten mit angstweiten Augen auf das, was sich vor ihren Augen abspielte. Sie duckten sich bei jedem Blitz, bei jedem Donner, suchten Halt, um nicht über Bord gespült zu werden, und rückten enger zusammen. Nur ein Viehhändler stand wie erstarrt steuerbords am Schanzkleid und stierte mit großen Augen auf das sich unaufhaltsam nähernde Ungetüm.

Das Gewitter war mittlerweile über ihren Köpfen. Der kleine Küstensegler stampfte und rollte zwischen den Brechern und gebärdete sich wie ein wild gewordener Hengst, der seinen unliebsam gewordenen Reiter abwerfen wollte. Die Passagiere, Kaufleute, Handwerker und andere Reisende, zitterten vor Angst, einige mussten sich übergeben und andere flehten zu Gott um ihr Leben.

Ohne Unterlass arbeitete die Besatzung daran, die ‚Beerta‘ vor dem Untergang zu retten. Steuermann Klaas Bootsma stemmte sich mit aller Kraft gegen die Ruderpinne. Für einen Augenblick dachte er daran, umzukehren und in Woldendorph Schutz zu suchen. Doch diesen Gedanken verwarf er so schnell, wie der gekommen war. Würde er jetzt versuchen zu wenden, könnte das Schiff kentern und mit Mann und Maus untergehen. Die Brecher wurden höher und höher, brandeten von Backbord gegen die Bordwand, als wollten sie den kleinen Bojer in seine Einzelteile zerlegen, während ihre Kämme gierig über das Schanzkleid leckten, um sich ihrer Beute zu vergewissern. Die Nordsee war Freund und Feind zugleich, sicherte Existenzen einerseits und war andererseits ein erbarmungsloser, maßloser Moloch, sie fraß alles, was sie vor ihren Rachen bekam. Dörfer, Menschen, Tiere, ja ganze Schiffe verschwanden innerhalb von Minuten auf Nimmerwiedersehen.

Der Brecher erwischte Niklas Houwert von der linken Seite und spülte ihn wie ein Stück Treibholz über den Stapel aus Fässern.

Der Advocatus rutschte über die seifige Plane aus geteertem Segeltuch, griff von Angst getrieben wild um sich auf der Suche nach irgendeinen Halt, bis er plötzlich spürte, wie seine Beine in einen schaumigen Wellenkamm tauchten. Er bekam ein Holzbrett zu fassen, das aus einer Kiste ragte. Doch es zerbrach, als der nächste Brecher ihn erwischte und unerbittlich weiter in die kalten Fluten des sturmgepeitschten Dollart schob. Seine Fingerspitzen schabten über raues Holz. Ganz aus der Nähe konnte er wie durch eine Mauer hindurch angsterfüllte Schreie vernehmen. Endlich bekam er mit der linken Hand das gespleiste Auge eines Seils zu fassen. Niklas Houwert hielt sich mit aller Kraft daran fest und wollte sich gerade hochziehen, als ein schreiender Schatten an ihm vorbei über das Schanzkleid schlitterte. Mit seiner freien Hand griff er danach und erwischte ein wild zappelndes Gör von etwa acht Jahren am Mantelsaum. Houwert hielt es fest, bis der Maat das Mädchen auf das sichere Deck ziehen konnte, wo ein erleichterter Großvater seine Enkelin in die Arme schloss.

Keuchend klopfte Niklas Houwert dem Seemann auf die Schulter, der ihn das letzte Stück zurück an Bord gehievt hatte. Er schleppte sich zurück, setzte sich jedoch nicht wieder oben auf den Stapel, sondern wählte einen sicheren Platz auf einem Ballen aus Rinderfellen zwischen Kisten und Fässern. Niklas fror entsetzlich, Leinenhemd und Hose klebten ihm am Körper, Wasser rann über Gesicht und Bart und tropfte aus seinem dicken Wintermantel. Zitternd wie Espenlaub raffte er seinen nassen Mantel enger und zog sich die Kapuze tief ins Gesicht.

Wenig später hatte Houwert sich von seinem Schreck erholt. Doch als er den Blick erleichtert nach vorne richtete, erschrak er erneut. Er erhob sich zaghaft und erkannte, dass ihnen das Schlimmste noch bevorstand: Steuerbords ragte das Wrack einer alten Fleute aus dem Wasser, dem die ‚Beerta‘ nun hilflos entgegentrudelte.

Steuermann Klaas Bootsma hatte nicht damit gerechnet, so weit vom Kurs abgekommen zu sein. »Bei Gott, festhalten! Haltet euch fest um Himmels willen.« Er stemmte sich gegen die Ruderpinne, als der Bojer einen weiteren Brecher nehmen musste. Ein Rinnsal aus Schweiß und Seewasser rann über sein Gesicht. Sein trotziger Blick war starr nach vorn auf das Wrack gerichtet, seine Schläfenadern traten hervor und seine Halsmuskeln schienen dick wie Schiffstaue, doch die Ruderpinne in seiner Hand bewegte sich keinen Zoll. Immer schneller trieb der Sturm den Bojer auf das Wrack zu.

Niklas Houwert hörte neben sich ein Knarzen, als die Bordwand des Küstenseglers an dem Wrack entlangschrammte. Die alte Fleute ragte nun gespenstisch über ihnen empor. Niklas sah, dass etwa mittschiffs zwei zerborstene Spanten gefährlich weit aus dem Rumpf des havarierten Schiffes ragten. Niemand konnte etwas tun, alle starrten wie gebannt auf das Wrack.

Wie von Geisterhand vorangeschoben rammte die ‚Beerta‘ den ersten der beiden Spanten. Holz- und Eisenstücke gruben sich wie scharfe Krallen in eine Planke der rechten Bordwand und schlitzten sie eine halbe Handbreit oberhalb des Decks nahezu der Länge nach auf. Plötzlich stoppte der Bojer unter gewaltigem Knirschen. Der Spant hatte sich tief in die aufgeschlitzte Planke gefressen und hielt das kleine Schiff fest. Niklas schaute sich um. Ein kalter Schauer rieselte seinen Rücken hinunter. Unfassbar, um sie herum tobte ein Gewittersturm und sie hingen an einem Wrack fest wie Fliegen an einem Leimstreifen. Beinahe hätte ihm diese Situation ein Schmunzeln abgerungen, denn es kam ihm vor, als wollte die alte Fleute den kleinen Segler dem Sturm als Beute anbieten, damit sie selbst der totalen Zerstörung entgehen konnte. Unwillkürlich schossen ihm die alten Schauermärchen der Seeleute in den Sinn, die von bösartigen Seeungeheuern zu berichten wussten. Erst vor ein paar Wochen hatte ein alter Fahrensmann in einer Rotterdamer Hafentaverne von solch einem riesigen Ungeheuer erzählt, das ein ganzes Linienschiff mitsamt seiner Besatzung, den Kanonen und allem, was sich sonst noch an Bord befand, vor seinen Augen verschlungen hatte.

Die anbrandenden Brecher rollten jetzt ungehindert über den Bug des kleinen Bojers hinweg. Hilflos sahen die Männer sich an. Plötzlich blitzte und krachte es zugleich und eine stinkende Rauchwolke hüllte den Segler ein. Das Wrack war getroffen. Houwert hörte einen gellenden Schrei, und als er sich nach hinten drehte, sah er, wie der Viehhändler zerschmettert die Bordwand der Fleute herunterrutschte. Ein gewaltiger Brecher hatte ihn mitgerissen und wie eine Puppe gegen die hoch aufragende Bordwand geschmettert. Ein Matrose versuchte noch nach ihm zu greifen, doch der Mann glitt zwischen die beiden Schiffe und versank in der brodelnden See.

»Jesus Christus steh uns bei! Hilf uns in unserer Not! Verschone uns ...«

Houwert blickte mürrisch zur Seite und sah einen Pastor, der sich krampfhaft an seine Bibel klammerte und unablässig Gebete in den von Blitzen erhellten Himmel brabbelte. Ein beleibter, prachtvoll gekleideter Pfeffersack stand neben ihm und wartete mit geschlossenen Augen und zitternden Lippen auf sein sicheres Ende, und das kleine Mädchen, das Niklas Minuten vorher noch vor dem Ertrinken bewahrt hatte ...

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